Dominikanische Stimmen aus der Ukraine – Januar 2023

Wir verstärken hier die Stimmen unserer Mitbrüder aus dem ukrainischen Kriegsgebiet. Sie engagieren sich mit allen Kräften vor Ort für Menschen, die Hilfe brauchen. Pater Jarosław Krawiec OP wurde für seine „Briefe aus der Ukraine“, die wir hier auf Deutsch übersetzt dokumentieren, mit dem Good News-Medienpreis der Schweizer Bischofskonferenz ausgezeichnet.

Wenn Sie unsere dominikanische Familie in der Ukraine unterstützen wollen, ist dies z.B. direkt über ihre Aktionswebseite hilfeukraine.dominikanie.pl möglich. Dort haben die ukrainischen Dominikaner mit ihren polnischen Mitbrüdern Infos und direkte Wege aufgeführt: Was wird dringend gebraucht? Wo helfen die Dominikaner im Kriegsgebiet? Wie kommen die Sachen zu den Menschen? Will ich Geld spenden oder direkt konkrete Lebensmitteleinheiten? Herzlichen Dank an alle Unterstützenden!

Kiew, 21. Januar 2023, 16:00

Liebe Schwestern, liebe Brüder,

Ich habe mit dem Absenden dieses Briefes gewartet, bis Pater Misha und die Freiwilligen unseres dominikanischen Projekts Haus St. Martin de Porres sicher auf dem Rückweg nach Fastov waren. Sie waren gestern mit humanitärer Hilfe nach Cherson gefahren. Leider konnte ich dieses Mal nicht mitfahren, deshalb erfahre ich telefonisch über diese Reise. Dort ist es jetzt gefährlich, da die Stadt und die Umgebung täglich beschossen werden. Nach Angaben von Pater Maxim aus der Gemeinde in Cherson war gestern (A.d.R.: 20.01.23) einer der schlimmsten Tage. Neben den zahlreichen Angriffen von der anderen Seite des Dnjepr, wo russische Truppen stationiert sind, waren auch Schießereien auf der Straße zu hören. Es überrascht nicht, dass viele Einwohner Cherson vor kurzem verlassen haben. „Am Morgen verteilten wir in einer Wohnsiedlung in der Nähe des Flusses Lebensmittel. Es gab nur noch drei Familien im Treppenhaus eines fünfstöckigen Wohnblocks“, sagt Pater Misha.

P. Misha und ein ehrenamtlicher Helfer in Cherson

Man kann sich fragen, ob es sich lohnt, Gesundheit und Leben an solchen Orten zu riskieren. Schließlich kann humanitäre Hilfe auch auf andere Weise geleistet werden. Dank vertrauenswürdiger lokaler Freiwilliger würde sie die Bedürftigen auch erreichen. Es wäre sogar einfacher, billiger und bestimmt auch sicherer so. Wer jedoch einmal eine persönliche Begegnung mit Menschen erlebt hat, die in Frontgebieten leben, für die regelmäßiger Beschuss, fehlende Elektrizität, Kälte und die Ungewissheit über die Zukunft zum Alltag gehören, wer ihre Freude über einen Besuch gesehen hat, der weiß, dass es sich lohnt und notwendig ist, zu ihnen zu gehen. Es ist ein Auftrag des Herzens und der Liebe. Nahrung, Medikamente und warme Kleidung können mit den Händen eines anderen gegeben werden, Hoffnung in schwierigen Zeiten wird durch die eigene Anwesenheit vermittelt.

Pater Misha erzählte von einer Begegnung mit den Einwohnern von Tschernobajiwka, wo vor einigen Monaten heftige Kämpfe zwischen russischen und ukrainischen Truppen stattfanden. Das Dorf gilt als das Tor zu Cherson aus dem Norden, und der dortige Flughafen ist zu einem Symbol für die ukrainische Standhaftigkeit geworden. Eine der Damen hatte gerade ihren Geburtstag gefeiert. Offenbar hatte sie seit dem Morgen mit einer Flasche Champagner auf ihre Gäste gewartet!

Der Krieg hat eine spezifische Kleiderordnung geschaffen, eine neue zeitgemäße Art, sich zu kleiden. Die von Präsident Selenskij getragenen T-Shirts sind legendär geworden. Die Mitarbeiter und Freiwilligen des Hauses St. Martin de Porres tragen nun ihre selbst hergestellten Sweatshirts mit dem Logo der Stiftung. „Bestellst Du eines für mich?“ fragte ich Misha, als ich sein neues schwarzes Sweatshirt mit der Aufschrift „Jk 4,17″ sehe, „am liebsten in mindestens XXXL! Wie lautet das Zitat aus dem Jakobusbrief?“ frage ich Pater Misha. Er antwortet: „Wer aber weiß, wie man Gutes tut, und es dann nicht tut, der sündigt.“ Starke Worte! Sie werden mir sicherlich noch lange in Erinnerung bleiben.

Ich habe festgestellt, dass Menschen, die einander treffen, sich nun häufig umarmen zur Begrüßung.  Seit dem Krieg ist diese Grußgeste weit verbreitet. Vorher war es in der Ukraine so, dass sich nur enge Vertraute diese Art von Vertraulichkeit erlaubten. Ich habe den Eindruck, dass wir jetzt einfach erfahren haben, wie wichtig und notwendig wir füreinander sind. Und wie zerbrechlich und ungewiss unser Leben ist. Vor einiger Zeit fielen wir uns auch in die Arme, als wir uns von einem Freiwilligenehepaar verabschiedeten, das uns auf der dunklen und nebelverhangenen Straße an der Grenze zu Charkiw durch Izium führte. Ich kannte sie erst ein paar Stunden, aber die Erfahrung, eine Strecke gemeinsam zurückzulegen und das Brot mit den Bedürftigen zu teilen, brachte uns einander näher.

Den letzten Brief habe ich vor Weihnachten geschrieben. Seitdem ist viel passiert. So zum Beispiel der Besuch von Kardinal Konrad Krajewski, der erneut Hilfe aus dem Vatikan in die Ukraine brachte. Diesmal Generatoren und jede Menge Thermounterwäsche, die man im Winter braucht. Wir hatten dieses Treffen vorher nicht geplant, aber als wir erfuhren, dass er zu Weihnachten nach Kiew fährt, rief ich ihn an und lud ihn nach Fastov ein. Bei einem seiner früheren Besuche hatte der Kardinal bereits unsere dominikanische Gemeinschaft in Kiew besucht. Der päpstliche „Spenden-Bote“ verbrachte Heiligabend mit unseren Schwestern und Brüdern, mit den Freiwilligen und Bewohnern des Hauses St. Martin und hielt während der Mitternachtsmesse eine bewegende Predigt. Darin erinnerte er an die Einladung Jesu: „Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid, und ich werde euch trösten“ (Mt 11,28), wobei er das Wort „alle“ betont. Der Krieg öffnet einen in bemerkenswerter Weise für andere und bringt einen dazu, sich gemeinsam in den Dienst der Bedürftigen zu stellen. Ich denke, das hat auch Kardinal Konrad erlebt, als er mit Geflüchteten und mit unseren Freiwilligen sprach.

Am Fest der Erscheinung des Herrn (A.d.R.: 06.01.23) haben wir ein weiteres Haus eröffnet, diesmal für Kriegsvertriebene. Es ist eine große Freude in diesen schwierigen Zeiten und ein noch größerer Dank an alle, die zu seiner Entstehung beigetragen haben. Dort leben bereits mehr als ein Dutzend Menschen, vor allem Mütter mit kleinen Kindern. Dies ist das dritte Haus, das wir in Fastów betreiben, wo Menschen in Not Hilfe finden.

Zusammen mit Erzbischof Visvaldas Kulbokas, Apostolischer Nuntius in der Ukraine, der kam, um das Gebäude zu segnen, sprachen wir mit Frau Oksana und ihrem 9-jährigen Sohn Zhenya. Auf der Flucht vor den Bomben waren sie zu Beginn des Krieges aus Bachmut zu uns gekommen. Ihr Mann, Vater des Jungen, der ebenfalls Zhenya hieß, starb an der Front im Kampf für die freie Ukraine. An der Eröffnung des Flüchtlingshauses nahmen Bartosz Cichocki, der polnische Botschafter in Kiew, und seine Frau Monika teil. Sie sind mit unserer wachsenden Initiative in Fastóv seit langem persönlich verbunden. Wir freuen uns, dass ein weiteres notwendiges Dominikaner-Projekt gestartet ist, und wir sind uns einig, dass unsere „Fastów-Erfahrung“ jeden von uns verändert hat. So funktioniert Barmherzigkeit.

Ich war sehr beeindruckt von einem Benefizkonzert des Jugendchors der Staatlichen Musikakademie Kiew, das gestern in der Aula des dominikanischen Instituts St. Thomas von Aquin stattfand. Ein Dutzend junger Künstler führte zehn Werke ukrainischer Autoren auf. Eines davon war das traditionelle Lied „Górą, doliną chodzę“, wunderschön gesungen von Oleksandra Stetsiuk, das im Dialekt der Karpaten-Lemkos die Geschichte eines Mädchens erzählt, das den Verlust ihres Freundes betrauert: „Mit dem Berg, mit dem Tal gehe ich. Ich sehe niemanden. Mein Herz weint, mein Herz weint. Aus großer Trauer.“ Hier können Sie dieses Lied von Frau Oleksandra bei einem früheren Konzert hören: https://www.youtube.com/watch?v=4Srfp6Fj4do

Der Krieg nimmt jeden Tag vielen wunderbaren Menschen das Leben und zerreißt die Herzen ihrer Angehörigen. Bei der Durchsicht der von Freunden geteilten Nachrichten fand ich einen Hinweis auf Viktor Onyśko, einen Regisseur für Filmschnitt, der vor einigen Monaten ukrainischer Soldat geworden war. Er starb am 30. Dezember im Alter von 40 Jahren an der Front. Ich habe Viktor nie getroffen, obwohl ich ihn in gewisser Weise von den vielen großartigen ukrainischen Filmen her kannte, die er mitgestaltet hat. Seine Frau Olga teilt ihre Erinnerungen an ihren Mann öffentlich auf Facebook. Und den Schmerz, den es in der Ukraine derzeit überall gibt. Ich muss zugeben, dass ich Olgas Worte nicht lesen kann, ohne bewegt zu sein.

„Mein Herz wird für immer im schrecklichen Jahr 2022 bleiben. Weil Du darin geblieben bist. Mein Held. Meine Liebe. Mein Alles. Ich weiß nicht, wie ich ohne Dich leben und atmen soll. Ich weiß nicht, ob ich jemals wieder träumen kann. Alles, was ich jetzt will, ist, dass das Übel des `Russismus´ (A.d.R: Begriff, der zu Beginn des Krieges aus den Wörtern „Russland“ und „Rassismus“ geprägt worden ist) so schnell wie möglich bestraft werden muss und dass möglichst wenige Menschen diesen unbeschreiblichen und brennenden Schmerz des Verlustes spüren.
Ich habe hier nicht viel über dich geschrieben, aus Sorge, das muss ich schamhaft zugeben, dich nicht zu verletzen. Facebook ist nicht der beste Ort für Ehrlichkeit. Außerdem hast Du selbst gesagt, dass Deine Berichte von der ukrainischen Front nur für mich bestimmt waren. Du solltest eigentlich Filme schneiden, aber stattdessen hast Du als Kompanieoffizier die militärische Realität ‚geschnitten‘. Zweimal für nichts – Cherson und Donbas. Ohne jede Gelegenheit, dass wir uns sehen. Du warst sehr müde, aber Du hast Dich um Deine Kameraden gekümmert. Du hast Dir über jeden Verlust Sorgen gemacht. Du hast gesagt, dass es im Krieg keine größere Folter gibt, als die Familien über den Tod eines geliebten Menschen zu informieren. Jetzt habe ich es an mir selbst gespürt. Es hat mir das Herz gebrochen, als Dein Kamerad ins Telefon schluchzte und mir schwor, dass er nie einen besseren Mann gekannt habe.
Man sagt, Helden sterben nicht. Leider sterben sie. Sie sterben jetzt zu Tausenden und lassen ihre Angehörigen für immer mit unheilbaren Wunden auf ihren Seelen zurück. Ich wäre dem Schicksal dankbar für Verletzung, Behinderung, Amputation, posttraumatisches Stresssyndrom …. und alles andere, wenn du nur überlebt hättest. Aber wir hatten kein Glück. Ich werde mich nie wieder in Deinen Armen verkriechen können, Deine Stimme hören, über Deine Witze lachen und stundenlang über Filme diskutieren können.
Was mir von Dir geblieben ist, ist unser 9-jähriges Mädchen mit Deinen grauen Augen. Dank Dir hatte sie eine fantastische Kindheit mit Motorrädern, Fahrrädern, Zelten, Skiern, Musik, Balkangebirge und Berliner Konzerten. Und als ich den ganzen Tag im Zug vor lauter Weinen erstickte, streichelte sie meinen Kopf und sagte mir, dass Papa für unsere Freiheit gekämpft hat, das werden wir nie vergessen, und Papa wird immer in unseren Gedanken sein. Wunderbar, die kleine Erwachsene. Eines von Tausenden unschuldiger Kinder, deren Eltern vom verfluchten Russland (im Original „rusnja“ – Anmerkung J.K.) getötet wurden. Das tut weh. Es tut unbeschreiblich weh…“

Mit Grüßen und der Bitte um ein Gebet für diejenigen, denen der Krieg die Liebsten genommen hat.

Jaroslaw Krawiec OP

Bisherige Briefe seit Kriegsbeginn:

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