„Vom Ziel und Handeln des Menschen“

Die Summa theologiae gilt als das wichtigste Werk des hl. Thomas von Aquin. Seit bald 100 Jahren arbeiten Dominikaner an einer 36-bändigen deutschen Ausgabe. Von den noch fünf fehlenden Bänden ist nun der zum Thema Ethik erschienen. Der neue Schriftleiter der deutschen Thomas-Ausgabe P. Thomas Eggensperger berichtet über diese Jahrhundertaufgabe.

1265 wurde Thomas von Aquin beauftragt, in Rom (im Konvent Santa Sabina) besonders begabte Studenten des Ordens durch ein Studium zu führen. Er konnte den Lehrstoff bestimmen, war ganz für diese Lehre von sonstigen Ämtern freigestellt und hatte die alleinige Verantwortung. So begann Thomas die Arbeit an der Summa theologiae, die er in drei Teile gegliedert hat: Der Kern des Dominikanerordens, bestätigt durch päpstlichen Auftrag und ausformuliert in den Ordensstatuten, besteht in Predigt und Verkündigung sowie im Beichthören.

Ein Jahrhundertwerk entsteht

Thomas beschritt in seiner Lehre einen eigenen Weg. Er gab der praktischen Theologie einen bislang unüblichen Platz. Indem er den Zweiten oder „moralischen“ Teil (wegen seines Umfangs wiederum in zwei Teile geteilt) durch den Ersten Teil über Gott, die Trinität und die Schöpfung einleitete und indem er ihn dann durch einen Dritten Teil über den Sohn Gottes, die Inkarnation und die Sakramente abrundete, stellte Thomas die praktische Theologie, die Untersuchung über den christlichen Menschen, seine Tugenden und seine Laster, in einen vollen theologischen Kontext.

Das Werk und die Theologie des Dominikanertheologen Thomas von Aquin (1224/25 – 1274) spielte in der Geistesgeschichte und in der Ausbildung des Ordensnachwuchses von je her eine wichtige Rolle. Nach dem Tod des Aquinaten setzte sich sein Ansatz als Regel und Richtmaß dominikanischer Theologie weitgehend durch, wenngleich sein Einfluss im Laufe der Jahrhunderte mal mehr, mal weniger groß war. In der Reformationszeit begnügte man sich zumeist nurmehr mit scholastisch geprägten Handbüchern und las kaum noch das Original. Es waren die Dominikaner von Salamanca (Studienhaus San Esteban), die in der Zeit der spanischen Kolonialgeschichte u.a. die Fragen der Zeit – nicht zuletzt die Suche nach einem angemessenen Umgang mit den unterworfenen Völkern in Amerika – aufgriffen und dafür wieder das Werk des Thomas rezipierten. Als Beispiel sei genannt Francisco de Vitoria (der Vater des Völkerrechts). Zu einem wichtigen Kommentator der Summa theologiae des Thomas von Aquin wurde in dieser Zeit ebenfalls der Dominikaner Tomás de Vio, der als Kardinal Cajetan in die Geschichte einging.

Im ausgehenden 19. Jahrhundert, d.h. in der Zeit der Neuscholastik erlebte die Thomas-Interpretation eine weitere Blüte. So begründete Papst Leo XIII., der mit der Sozialenzyklika Rerum novarum berühmt wurde, die nach ihm benannte Editio Leonina, die den Auftrag hatte, das lateinische Werk des Thomas systematisch aufzuarbeiten und kritisch zu edieren. Die Editionstätigkeit ist bis heute noch nicht abgeschlossen.

Thomas von Aquin auf Deutsch

Die deutschen Dominikaner haben die Gelegenheit der Thomas-Begeisterung genutzt, um eines der wichtigsten Werke ins Deutsche zu übersetzen, zu kommentieren und als eine Reihe herauszugeben. Diese Aufgabe wurde den Dominikanern aus Walberberg übertragen und der erste Band der Summa theologiae erschien Anfang der 1930er Jahre. Was damals noch niemand vermutete – die Edition der lateinisch-deutschen Bände der Reihe „Deutsche Thomas-Ausgabe“ ist bis heute noch nicht abgeschlossen. Eine Reihe von Schriftleitern, darunter so bekannte Experten wie Paulus Engelhardt OP oder Walter Senner OP führten das Projekt mit wechselnden Verlagshäusern fort.

Ein Jahrhundertwerk setzt sich fort

Eine komplette deutsche Übersetzung der Summa stellt ein Desiderat dar. Dies gilt umso mehr, als in der philosophisch-theologischen Forschung ein erneutes verstärktes Interesse an der Thomas-Rezeption festzustellen ist. In den Bänden der Deutschen Thomas-Ausgabe findet sich neben der lateinischen und deutschen Version des Textes ein ausführlicher Kommentarteil, um sowohl Fachleuten als auch interessierten Leserinnen und Lesern die Möglichkeit zu geben, dem Gedankengang des Aquinaten zu folgen.

Von den geplanten 36 Bänden (neben zwei Ergänzungsbänden) der Reihe fehlen noch vier: Band 16 (Hoffnung), Band 19 (Tugend der Gottesverehrung) sowie die Bände 33/34 (Die Ehe) werden nach und nach veröffentlicht.

Vor kurzem erschien der neueste Band! Der Band 9 hat den Traktat „Ziel und Handeln des Menschen“ zum Thema und beschäftigt sich mit den grundlegenden Fragen der Ethik, die Thomas von Aquin an dieser Stelle ausführlich erörtert, um sich danach auf dieser Grundlage weiteren theologischen Themen zu widmen. Der Freiburger Philosoph Klaus Jacobi hat den Text in jahrelanger, mühevoller Arbeit für die Publikation vorbereitet. Gemeinsam mit Walter Senner OP (†) und Jana Ilnicka (Erfurt) wurde der lateinische Text kritisch überprüft und ins Deutsche übersetzt (Band 9A). Hinzu kommt ein sehr ausführlicher Kommentar von Klaus Jacobi (Band 9B). Herausgekommen ist ein Werk von gut 1.400 Seiten, das unter der Federführung von Thomas Eggensperger OP im Berliner De Gruyter Verlag erschienen ist. Der Band wird die philosophische und theologische Debatte zweifellos bereichern.

P. Thomas Eggensperger ist Geschäftsführender Direktor des Instituts M.-Dominique Chenu in Berlin und Professor für Sozialethik an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Münster und des „Campus für Theologie und Spiritualität“. Seit letztem Jahr ist er Schriftleiter der Deutschen Thomas-Ausgabe.

Dieser Artikel stammt aus unserem neuen Jahresmagazin kontakt. Wenn Sie mehr erfahren möchten, finden Sie weitere Artikel hier.