Mit Vinzenz Ferrer sich die Faulheit fruchtbar machen

aus: „kontakt – Freundesgabe der Dominikaner in Deutschland und Österreich“, Nr. 50 (2023 – 2024)

Redet man von Urlaub und Tourismus – und gerade Deutsche tun beides gerne – dann kommt die „Muße“ recht schnell in den Sinn, denn „Freizeit“ und „Muße“ werden gerne in einem Atemzug genannt. Beide Begriffe sind heute positiv konnotiert. Das war nicht immer so…

Unser heutiges Verständnis von Muße ist das – vorläufige – Ergebnis eines langen Prozesses, der zwar nicht erst bei den Mönchsvätern seinen Anfang nahm, jedoch Ausgangspunkt dieser Entwicklungsbetrachtung ist, denn für frühchristliche Asketen war der „Müßiggang“ im Sinne von Trägheit, lat. akedia, eine Todsünde. Diese Einschätzung betrachtet der spanische Dominikaner Vinzenz Ferrer aus einem anderen Blickwinkel. Von ihm ist eine leidenschaftliche Predigt überliefert, die sich dem Thema der Muße vom Schriftzitat „Was steht ihr den ganzen Tag müßig herum?“ (Mt 20,6) her nähert.

Kritische Sicht auf Müßiggang

Hl. Vinzenz Ferrer (23.01.1350 bis 05.04.1419), Detail eines Gemäldes von Giovanni Bellini

Vinzenz Ferrer leitet seine Predigt zur Muße, für die er das lateinische Wort otium nutzt, mit dem Hinweis ein, dass es sich ebenfalls Müßiggang im negativen Sinne handeln würde, wenn Menschen alles Mögliche treiben, sich aber nicht um fruchtbringende und tugendhafte Werke kümmern. Eine Todsünde ist die Muße für den Dominikaner nicht mehr, aber der Charakter einer Sünde bleibt für ihn erhalten. Er untergliedert in seiner Predigt vier Weisen, wie otium, Auszeit vom mühevollen Streben, keine Sünde für Menschen ist:
Zum ersten hat man darauf zu achten, dass wir Menschen uns „um den Körper kümmern, aus dem wir geformt sind. Denn gewisse Dinge zu sagen oder zu tun ist nicht passend für den Körper, etwa, an Hochmut, Ehren, Reichtümer oder Prunk zu denken ist gemäß der Heiligen Schrift tadelnswert […]“. Das klingt zunächst ein wenig seltsam, bezieht sich aber darauf, dass wir gut mit unserem Körper umgehen und Gutes mit unserem Körper tun sollen, weil er uns von Gott geschenkt wurde.
Zum zweiten geht es darum, für seine Handlungen den „passenden Ort“ zu finden – sind sie angemessen oder nicht? Man kann rechte Dinge tun, aber es gibt Orte, an denen dies unpassend ist (z.B. den ehelichen Verkehr in der Öffentlichkeit zu begehen oder zu alt zu sein für Handlungen, die man Kindern nachsehen würde).
Zum dritten ist gefordert, „an das Ziel zu denken, für welches wir geschaffen worden sind, damit wir zum ewigen Leben gelangen, denn in dieser Welt gehen wir immer vorwärts bis zum Ausgang aus der Welt.“ Vinzenz Ferrer nennt dafür ein praktisches Beispiel: Ist ein Pilger nach Santiago unterwegs und übernachtet in einem Wirtshaus, ist dagegen nichts einzuwenden, da dies nicht dem Ziel entgegensteht, den Wallfahrtsort zu erreichen. Übernachtet der Pilger allerdings eine Woche grundlos im Wirtshaus, so vernachlässigt er das eigentliche Ziel seiner Reise.
Zum vierten gilt es die real zur Verfügung stehende (Lebens-)Zeit im Blick zu behalten. Die Zeit, in der man lebt, hat man „zum Arbeiten, das heißt zum guten Handeln“. In dieser Predigt zur Muße macht der hl. Vinzenz Ferrer deutlich, dass sie erst dann zur Sünde wird, wenn die freie Zeit nicht sinnvoll im Hinblick auf die genannten vier Weisen genutzt wird.

Muße und Faulheit

Nicht nur theologisch, sondern auch sozialgeschichtlich gibt es Bewegung im Verständnis von Muße und Freizeit. Heute unterscheidet man auf der einen Seite zwischen „mußevoller Arbeit“, d.h. einer Arbeit ohne Zwang mit dem Antrieb zur Selbstverwirklichung. Auf der anderen Seite steht der „ruhelose Müßiggang“, wenn Freizeit pausenlos aktiv gefüllt wird. Hier kommt als weiterer Aspekt die Faulheit ins Spiel: Faulheit muss man gar nicht negativ sehen, sondern sie darf durchaus würdigend als Ausbruch aus dem Produktionszirkel verstanden werden, in dem wir arbeitende Menschen uns in der Regel befinden. Damit ist Faulheit gleichsam eine Schwester der Muße.
Arbeit und Freizeit stehen in einem Wechselverhältnis: Freizeit ist zu verstehen als Funktion der Arbeit, denn sie dient der Reproduktion der Arbeitskraft. So ist der Urlaub schlichtweg jener Teil von Arbeit, der aufgrund seines Erholungscharakters zu verbesserter Arbeitsaktivität führt. Nicht die Freizeit also ist der Gegenbegriff zur Arbeit (weil sie Teil von ihr ist), sondern die Muße. Muße per se existiert nicht einfach, sondern sie muss erst einmal „hergestellt“ werden. Es braucht einen Rahmen, innerhalb dessen die Muße ihren Platz hat und sich entfalten kann. Muße stellt nicht nur eine Lücke im Alltagsgeschäft dar, sondern sie ist eine Art der „Unterbrechung“, in der sich Zeit und Ewiges berühren, sei es im Spiel, in der Kontemplation, im Nachdenken oder im Flanieren. Im Arbeitsleben und in kreativen Tätigkeiten bedarf es auch gewisser Denk-Pausen. Ähnliches gilt für den Urlaub, der den Alltag unterbricht und es entstehen Momente der Gelassenheit, der Freiheit, des Genusses und der Rekreation, wenn man durch die Städte flaniert.
So wird Faulheit zur Tugend.

Literaturtipp:
Vinzenz Ferrer, Predigten. Ausgewählt, eingeleitet und aus dem Katalanischen übersetzt von Gret Schib Torra, Berlin 2014, hier: Vom Müßiggang, 107-115.

P. Thomas Eggensperger ist Geschäftsführender Direktor des Instituts M.-Dominique Chenu und Professor für Sozialethik und christliche Sozialwissenschaft am neugegründeten Campus für Theologie und Spiritualität Berlin. Zudem ist er u.a. Mitglied der Katholischen Arbeitsgemeinschaft für Freizeit und Tourismus der Deutschen Bischofskonferenz.

Dieser Artikel ist erschienen in unserer aktuellen Ausgabe von „kontakt – Freundesgabe der Dominikaner in Deutschland und Österreich“, unentgeltlich nachzulesen z.B. hier.