„Es ist besser zu erhellen als zu scheinen“

Junges Redaktionsteam des Kollegs St. Thomas interviewt Ordensmeister P. Gerard Timoner

Kurz vor den Sommerferien besuchte der dominikanische Ordensmeister aus Rom (Anm. d. Red.: im Header obere Reihe rechts) das Kolleg St. Thomas im niedersächsischen Vechta. Im Rahmen seiner Visitation unserer Ordensprovinz wollte er das angesehene Gymnasium kennenlernen, in dem seine Mitbrüder Schüler und Schülerinnen im dominikanischen Sinne unterrichten. Und die Jugendlichen wollte wiederum den prominenten Gast aus Rom genauer kennenlernen… Wir zitieren mit deren freundlicher Erlaubnis:

Zu Beginn möchten wir uns kurz vorstellen. Wir sind Mitglieder der Redaktion unserer Schülerzeitung „Thomaner-Kurier“. Die Zeitung gibt es seit 2012 und wir arbeiten gerade an der 21. Ausgabe. Wir haben uns im Vorfeld einige Fragen überlegt und bedanken uns schon jetzt sehr herzlich dafür, dass Sie sich Zeit für uns genommen haben.

P. Gerard: Der Dank liegt ganz auf meiner Seite. Es freut mich, dass ich euch treffen kann. Ich bin Gerard und hier neben mir sitzt Pater Pablo (Anm. der Red.: P. Pablo Sicouly, Socius des Ordensmeisters, im Header obere Reihe links).

Sie haben gerade einen kleinen Einblick in unser Schulleben hier am Kolleg St. Thomas bekommen. Was ist Ihr erster Eindruck? Sind Sie zufrieden mit Ihrer Ordensschule?

P. Gerard: Zunächst einmal waren Pablo und ich sehr beeindruckt davon, euch alle zusammen auf dem Innenhof zu treffen. Ich hatte den Eindruck, dass hier eine beeindruckende Gemeinschaft herrscht. Ihr habt ein tolles Orchester und habt bei den kurzen Fragen, die ich euch gestellt habe, aufmerksam geantwortet. Dabei konnte ich wirklich diese Gemeinschaft unter den Schülerinnen und Schülern spüren. Außerdem durfte Pablo und ich gerade die Klasse 6c besuchen. Wir waren wirklich beeindruckt davon, wie gut und selbstsicher die Schülerinnen und Schüler ihre kurzen Vorträge der Klasse vorgetragen haben.

Wie viele Bildungseinrichtungen betreiben die Dominikaner weltweit?

P. Gerard: Das sollte lieber Pablo beantworten [lacht].

P. Pablo: Ich bin im Orden für die Bildung und also auch für die Universitäten zuständig. Lehren und Lernen ist bei uns im Orden schon seit dem heiligen Dominikus im 13. Jahrhundert sehr bedeutend. Wir haben heute weltweit 12 Universitäten bzw. Fakultäten an anderen Universitäten und zehn weitere Forschungseinrichtungen. Außerdem betreiben wir Dominikaner weltweit einige Schulen. Auch die Dominikaner-Schwestern tun dies. Die Zahl der Schulen kennt eher Pater Gerard.

P. Gerard: Die genaue Zahl der Schulen kenne ich ehrlich gesagt nicht genau. Ich glaube, es sind um die vierzig. Die Anzahl der Schulen der Dominikaner-Schwestern dürfte nahe bei hundert liegen. Insgesamt dürften wir weltweit momentan etwa 200 000 Schülerinnen und Schüler haben.

Warum betreiben Sie Schulen wie unsere?

P. Gerard: Wie Pablo gerade sagte, ist uns Dominikanern das Lehren und Lernen sehr wichtig. Der heilige Dominik hat einen Predigerorden gegründet. Und damit die Patres gut predigen und verkünden können, müssen sie entsprechend gebildet sein. Sie müssen also lernen. Man kann kein guter Ingenieur, Mathematiker oder Lehrer sein, ohne entsprechend gebildet zu sein. Also hat Dominikus damals seine Mitbrüder zum Lernen und Studieren geschickt. Und die Dominikaner haben dann begonnen, in eigenen Schulen ihr Wissen weiterzugeben. Es gab sogar mal einen Historiker, der sagte, der heilige Dominikus sei so etwas wie der erste Bildungsminister von Europa gewesen. Weil er Bildungseinrichtungen in vielen Städten wie Bologna, Paris, Köln oder Oxford gegründet hat. Der Schulpatron Thomas von Aquin, der ja auch Dominikaner war, hat in seiner summa theologica gesagt: Es ist besser zu erhellen als zu scheinen. Es ist also besser, Dinge zu beleuchten und das erworbene Wissen mit anderen zu teilen. Er sagt auch: Predigen heißt Lehren. Es gibt also eine enge Verbindung vom Predigen zum Lehren.

…ich habe mich einige Male gefragt: Will ich das wirklich? Aber letztlich gab es Ereignisse in meinem Leben, die mich hierhin geführt haben. Auch in eurem Leben wird es sicher Ereignisse oder Gespräche geben, die euch beeindrucken und in einer gewissen Weise beeinflussen werden.

P. Gerard Timoner, Ordensmeister der Dominikaner

Warum sind Sie Dominikaner geworden? Hatten Sie auch andere berufliche Pläne?

P. Gerard: Als ich so jung war wie ihr jetzt, konnte ich mir vorstellen, zum Beispiel Arzt zu werden. Aber eigentlich hatte ich immer das Bedürfnis, Priester zu werden. So wie ihr euch jetzt vielleicht für Mathe, Kunst oder einen potentiellen Beruf interessiert, war es bei mir das Interesse am Priesteramt. Man nennt das auch Berufung. Lehrer, Ingenieure, Juristen, sie alle haben eine Berufung für ihre Arbeit. Sie fühlen sich wohl bei dem, was sie tun. Ich habe mich also berufen gefühlt, dominikanischer Priester zu werden. Es war keine leichte Entscheidung und ich habe mich einige Male gefragt: Will ich das wirklich? Aber letztlich gab es Ereignisse in meinem Leben, die mich hierhin geführt haben. Auch in eurem Leben wird es sicher Ereignisse oder Gespräche geben, die euch beeindrucken und in einer gewissen Weise beeinflussen werden.

Haben Sie geplant bzw. damit gerechnet, dass Sie irgendwann Ordensmeister werden würden?

P. Gerard: Daran habe ich früher höchstens mal im Spaß gedacht [lacht]. Tatsächlich war es so, dass das vorige Generalkapitel des Ordens in Vietnam stattfand. Ich war zusammen mit Pablo zu diesem Kapitel, bei dem alle neun Jahre der Ordensmeister gewählt wird, eingeladen, aber nicht als Kandidat für das Amt des Ordensmeisters, sondern einfach als Gast. Es fanden viele Gespräche insbesondere in den sogenannten Sprachgruppen statt. Hier wurden dann auch die ersten Namen genannt und man bat mich, zu den Gesprächen dazuzukommen. Letztendlich habe ich dann eine Art Bewerbergespräch geführt für ein Amt, um das ich mich gar nicht beworben hatte. Man sagte mir später, dass ich mich selber gar nicht als Kandidat gesehen hatte. Ich sah die Gespräche zunächst als eine Art Kompliment für meinen Amtsvorgänger Bruno Cadoré an, da hauptsächlich Personen interviewt wurden, die Bruno sehr nahestanden. Eigentlich kamen die Ordensmeister bisher aus Europa oder Lateinamerika, aber eben nicht aus meiner Heimat (Anm. der Red.: Republik der Philippinen). So langsam habe ich dann aber realisiert, dass wir eben ein weltumspannender Orden sind und dass der Ordensmeister deshalb aus jedem Teil der Welt kommen kann. Es kann ein Mitbruder aus Asien, Europa oder jedem anderen Teil der Welt Ordensmeister werden.

Wie wird man Ordensmeister?

P. Gerard: Als erstes muss man natürlich Dominikaner sein, ein dominikanischer Priester, der sich mit der ewigen Profess an den Orden gebunden hat. Das Generalkapitel ist die höchste Instanz des Ordens, die alle neun Jahre einen neuen Ordensmeister wählt. Diese Instanz fragt dann nach vielen Gesprächen und Diskussionen einen Mitbruder, ob er Ordensmeister werden will. Wenn dann ein Mitbruder gefragt wird, hat er schon die Freiheit, Nein zu sagen. Das Generalkapitel kann dann aber immer noch sagen, wir akzeptieren das Nein nicht.

Wie sieht der Alltag eines Ordensmeisters aus? Was sind Ihre Aufgaben?

P. Gerard: Alle Tage sind wirklich unterschiedlich. Es gibt Tage, an denen ich von freundlichen Schülerinnen und Schülern wie euch interviewt werde, oder es gibt Tage, an denen ich im Büro bin, Briefe schreibe, Dokumente unterschreibe oder häufig in Besprechungen bin. Da ich im Laufe meiner Amtszeit alle dominikanischen Provinzen weltweit besucht haben muss, verbringen wir aber auch sehr viel Zeit auf Reisen. Wenn möglich, sind wir im Zug unterwegs.

Sie sind viel unterwegs. Wo ist Ihr Zuhause?

P. Gerard: Mein Heimat-Konvent ist Santa Sabina in Rom. Es ist eine sehr alte Kirche aus dem fünften Jahrhundert, also deutlich vor der Gründung des Dominikanerordens. Der Papst übergab diese Kirche später dem heiligen Dominikus. Seit dem ist Santa Sabina der Hauptsitz der Dominikaner. Von dort aus hat man übrigens einen wunderschönen Blick auf Rom.

Haben Sie bei Ihren vielen Reisen auch die Möglichkeit und die Zeit, um Länder und Kulturen kennenzulernen?

P. Gerard: Ja, so wie hier in Vechta kann ich auf meinen Reisen zum Glück eine Menge lernen. Ich spreche nicht alle Sprachen, aber dank Mitbrüdern wie Pablo kann ich wirklich gut mit meinen Mitbrüdern weltweit ins Gespräch kommen. Und solche Treffen wie hier in Vechta mit euch, der Schulgemeinschaft und den Mitbrüdern sind natürlich wirklich schön.

Bereisen Sie auch Konvente in Krisenregionen wie die Ukraine? Wie geht es Ihren Mitbrüdern dort?

P. Gerard: Ja, das tue ich. Die dominikanische Familie ist auch in Krisenregionen präsent. Wir haben Brüder und Schwestern in Myanmar. Dort helfen sie Menschen, die unter der Unterdrückung durch das Militär leiden. Wir haben auch Konvente in Algerien. Vielleicht habt ihr gehört, dass dort am Pfingstsonntag Leute in einer Kirche bei einem Anschlag getötet wurden. Und wir haben natürlich auch Mitbrüder und –schwestern in der Ukraine. Aber wir haben auch ein Haus in Russland. Auch für die Dominikanerinnen und Dominikaner in Russland ist es wegen der Repressalien schwierig, dort zu bleiben. In der Ukraine haben wir vier Konvente. Einer davon liegt in Kiew, ein anderer in der Donbass-Region. Schon vor dem Krieg haben unsere Mitbrüder dort den Einheimischen geholfen. 2019 haben wir in der ganzen Welt einen dominikanischen Monat für Frieden in der Welt gefeiert und der Fokus lag auf der Ukraine. Wichtig ist uns, was unser Mitbruder Jaroslav aus Kiew uns berichtet hat. Er sagte, man sieht eine Menge Gewalt in der Ukraine. Das, was wir im Fernsehen oder in der Zeitung sehen, sehen sie beim Blick aus dem Fenster. Er sagte aber eben auch, dass sie Solidarität, Großzügigkeit und sehr viel gegenseitiges Helfen sehen. Diese Dinge sehen wir nicht im Fernsehen. Also auch in so schwer getroffenen Regionen kann man die Gegenwart Gottes erahnen.

Haben Sie Ziele für den Dominikanerorden? Möchten Sie etwas verändern?

P. Gerard: Der Ordensmeister ist natürlich der „Chef“. Aber der Ordensmeister ist auch derjenige, der die Entscheidungen des Generalkapitels vorbereitet und vorantreibt. Ich kann natürlich Dinge allein entscheiden, aber das wäre kein guter Weg und auch nicht im dominikanischen Sinne. Für uns ist es wichtig, dass wir Dinge nach gemeinsamen Beratungen und vielen Gesprächen entscheiden. Das, was natürlich seit der Zeit des heiligen Dominikus feststeht und damit nicht zur Debatte, ist, dass wir Wort Gottes auf verschiedene Weise verkünden: in der Kirche, in Schulen und Universitäten, durch Künste, durch das Schreiben von Büchern oder durch das caritative Arbeiten mit Menschen.

Haben Sie Freizeit? Was machen Sie dann am liebsten?

P. Gerard: Pablo und ich fahren in unserer Freizeit gerne Fahrrad, wobei das Fahren hier im Wald sicher deutlich schöner ist als auf dem Kopfsteinpflaster im hügeligen Rom. Ich rede aber auch gerne mit meinen Mitbrüdern. Gestern Abend haben wir hier im Konvent wirklich miteinander gesprochen. Eigentlich sind wir ganz normale Menschen [lacht].

Herzlichen Dank für das Interview!

Das Interview führten Clemens, Jonas, Lena, Anna und Pauline.

Steckbrief: Pater Gerard Timoner wurde 1968 auf den Philippinen geboren. 1985 trat er in den Dominikanerorden ein und legte 1989 seine ewige Profess ab. 1995 wurde er zum Priester geweiht. Er studierte Theologie in Nijmegen. Eigentlich ist Pater Gerard ein echter Thomaner, denn er war Professor für Theologie und Vizekanzler an der Universität des heiligen Thomas von Aquin(!) in Manila. 2019 wurde er zum 87. Nachfolger des heiligen Dominikus gewählt. Er trat die Nachfolge von Pater Bruno Cadoré an, den die älteren von uns noch von unserer Schulfahrt in die Toskana kennen.

Quelle: Thomaner-Kurier | 21. Ausgabe | 07/2022 | Fotos: Frank Huesing