Dominikanische Stimmen aus der Ukraine – Woche 6

Wir verstärken hier die Stimmen unserer Mitbrüder aus dem ukrainischen Kriegsgebiet auf Deutsch. Sie engagieren sich mit allen Kräften vor Ort für Menschen, die Hilfe brauchen. Wenn Sie unsere dominikanische Familie in der Ukraine unterstützen wollen, ist dies z.B. direkt über ihre Aktionswebseite hilfeukraine.dominikanie.pl möglich. Dort haben die ukrainischen Dominikaner mit ihren polnischen Mitbrüdern Infos und direkte Wege aufgeführt: Was wird dringend gebraucht? Wo helfen die Dominikaner im Kriegsgebiet? Wie kommen die Sachen zu den Menschen? Will ich Geld spenden oder direkt konkrete Lebensmitteleinheiten? Herzlichen Dank an alle Unterstützenden!

In seinem Videoformat „Briefe aus der Ukraine“trägt unser Noviziat (->Link zum Youtube-Kanal) die Briefe unten übrigens gesprochen vor für alle, bei denen der Weg zum Herzen über die Ohren führt.


Lviv – Zhovkva – Warschau, 8. April, 8:45 Uhr

Liebe Schwestern, liebe Brüder,

Romek hat gestern seinen sechsten Geburtstag gefeiert. Als ich vor zwei Tagen die Brüder in Tschortkiw besuchte, saß er mit seinem Vater im Pfarrbüro unseres Konvents, das auch ein Gästezimmer ist. Sie sahen sich etwas auf dem Computer an. Wir schauten hinein, und er rannte sofort auf uns zu, umarmte Pater Svorad und verkündete uns allen: „Und ich habe in zwei Tagen Geburtstag!“ Er wurde ein wenig verlegen, als ich sagte, dass wir uns in diesem Fall ein paar Geschenke überlegen müssten. Sein Vater erwiderte sofort, dass es für sie das größte Geschenk sei, dass sie bei uns Zuflucht finden könnten. Sie waren mit ihrer ganzen Familie zu Beginn des Krieges aus Kiew gekommen und von Pater Svorad und Pater Julian gastfreundlich aufgenommen worden. Die Brüder haben sich daran gewöhnt, dass es in dem kleinen Haus nun lauter und fröhlicher zugeht. Im Gegenzug kann Romeks Mutter sehr gut kochen. Das ist ein guter Weg, um die Herzen der Dominikaner zu erweichen. Auf dem Rückweg von der Kirche, die über einen Kilometer vom Kloster entfernt ist, besuchte ich einen Spielzeugladen. Ich hoffe, dem kleinen Romek hat das Lego-Feuerwehrauto gefallen.

Tschortkiw ist ein wichtiger Ort für Dominikaner. Unsere Kirche zählt zu den schönsten katholischen Kirchen in der Ukraine. Es ist als Heiligtum Unserer Lieben Frau vom Rosenkranz geweiht. Während des Zweiten Weltkriegs haben die Sowjets unsere Brüder hier ermordet. Wir hoffen, dass der vor Jahren begonnene Seligsprechungsprozess dazu führen wird, dass sie eines Tages selig gesprochen werden. In Tschortkiw haben die staatlichen Behörden unserem Orden das Gebäude des ehemaligen Klosters zurückgegeben, das sich direkt neben der Kirche befindet. Leider gibt es in der Ukraine immer noch viele alte religiöse Gebäude, insbesondere Klöster, die nicht ihren früheren Besitzer zurückgegeben worden sind. Uns ist das gelungen, und seit einiger Zeit planen wir, dass dieser Ort nach der Renovierung nicht nur als Dominikanerkloster dienen soll, sondern auch ein Hilfszentrum werden soll, ähnlich wie das Haus St. Martin in Fastiw. In der gegenwärtigen Situation erscheint es nicht nur angebracht, sondern auch dringend notwendig, diese Pläne zu verwirklichen.

Wie in fast allen Städten der Westukraine sind auch in Tschortkiw viele Geflüchtete angekommen. Es ist deutlich sichtbar, dass in dieser schönen Stadt Podoliens viele Familien und Müttern mit Kindern neu sind. Vor dem Gebäude der Stadtverwaltung stehen Zelte mit humanitärer Hilfe. Auch in der griechisch-katholischen Kathedrale wird Unterstützung geleistet. Dies ist nicht die einzige Kirche, die ich in der Ukraine gesehen habe, in der neben dem liturgischen Raum und den Plätzen für die Gläubigen, die zum Beten kommen, Kartons mit Lebensmitteln, Reinigungsmitteln und Berge von Windeln für Kinder stehen. Ich dachte an die Worte des Herrn Jesus: „Sie brauchen nicht wegzugehen; ihr gebt ihnen zu essen!“ (Mt 14,16). In so vielen Kirchen gibt es jetzt nicht nur das Brot der Engel, die heilige Eucharistie, sondern auch dieses Brot der menschlichen Schutzengel aus aller Welt, die ihre durch den Krieg vertriebenen Schwestern und Brüder nicht vergessen haben.

Pater Svorad, der Slowake ist, erzählte uns, dass er oft Geflüchtete beim Beten in unserer Kirche trifft. Jemand bittet um ein Gespräch, ein Gebet, zündet eine Kerze vor der Marienstatue an, möchte manchmal beichten. In den meisten Fällen handelt es sich dabei nicht um Katholiken, sondern oft um Menschen, die bisher nicht viel mit der katholischen Kirche oder der orthodoxen Kirche zu tun hatten. Vor Jahren, als ich Pfarrer in Tschortkiw war, stellte ich in der Kirche eine Statue des heiligen Josef auf als Fürsprecher für Emigranten. Ich wollte, dass die Einwohner der Stadt durch seine Fürsprache für ihre Angehörigen beten können, die aus der Ukraine ausgewandert sind. Nun hat der hl. Josef eine Menge Arbeit vor sich. Er weiß, was es heißt, unterwegs zu sein und dem Zorn des Herodes zu entkommen. Heiliger Josef, fürsorglicher Beschützer Jesu und Marias, Schutzpatron der Emigranten und Flüchtenden, bitte für uns!

Die nächsten zwei Tage verbrachte ich in Lwiw. Als ich in unserem Konvent in dieser größten und zugleich sehr schönen Stadt der Westukraine ankam, war Pater Tomasz, gekleidet im weißen Habit und schwarzer Capa, gerade auf dem Weg zum ökumenischen Abendgebet für die Kriegsopfer. Ich habe mich ihm angeschlossen. Die Panichida, die Trauerfeier in den christlichen Ostkirchen, fand im Stadtzentrum beim Denkmal des ukrainischen Dichters Taras Schewtschenko statt. Anwesend waren Vertreter aller Konfessionen in der Stadt, darunter Bischöfe beider katholischer Riten und der Metropolit von Lwiw der orthodoxen Kirche der Ukraine Dymytrij. Angesichts der Tragödie der Tausenden von Ukrainern, die in den letzten Wochen ermordet wurden, symbolisiert durch die Stadt Butscha bei Kiew, sehe ich mehr und mehr die Notwendigkeit, gemeinsam zu beten und mit einer Stimme zu Gott um Erbarmen zu rufen. Am Ende zündeten die Teilnehmer blaue und gelbe Kerzen an. Diese wurden in Form des ukrainischen Wappens auf das Pflaster gelegt. Das Gebet wurde von vielen Flüchtenden besucht, von denen es in dieser Stadt wirklich viele gibt. Dies war der erste ökumenische Gottesdienst dieser Art in Lwiw seit Ausbruch des Krieges.

Die Kriegszeit ist eine schwierige Erfahrung für unsere Gemeinden, Klostergemeinschaften und kirchlichen Werke. So viele Menschen haben ihre Heimat verlassen, und viele von ihnen sind ins Ausland gegangen. Wann und ob sie zurückkehren werden? Die Zeit wird es zeigen. Die Abwesenheit ist bereits spürbar, da viele dieser Menschen aktiv am Leben der Pfarrei und der Gemeinden beteiligt waren.

Am Mittwochmorgen machte ich einen Spaziergang. Ich erfuhr, dass in der griechisch-katholischen Garnisonskirche eine Trauerfeier für drei Soldaten stattfinden sollte. Ich beschloss, an dem vom Bischof geleiteten Gebet teilzunehmen. Ich wusste nichts über diese an der Front gefallenen Soldaten, aber als ich an ihrem Begräbnis teilnahm, hatte ich das Gefühl, dass sie mir nahestanden. Ich habe voller Dankbarkeit für ihren geleisteten Dienst gebetet. Sie haben den höchsten Preis bezahlt, auch für mich, damit ich in Kiew in Sicherheit sein kann. Der älteste war 49 Jahre alt, die anderen waren junge Männer. Als ich die Mutter eines von ihnen sah, weinend und in großem Schmerz, dachte ich an Maria, die unter dem Kreuz ihres Sohnes stand. Der Kreuzweg des ukrainischen Volkes hat nun in vielen Teilen des Landes die Station „Grablegung Jesu“.

Die Kirche war voll mit Menschen. Einige Soldaten trugen die Särge ihrer Kameraden. Neben mir in der langen Schlange vor dem schmalen Ausgang der Kirche stand geduldig der Vorsitzende des ukrainischen Parlaments. Vor dem Krieg hatten wir Gelegenheit zu einem kurzen Gespräch in Kiew, nach Ausbruch des Krieges schrieb ich ihm eine Nachricht, in der ich ihn meiner Gebete versicherte. Er antwortete mir: „Pater Jaroslaw, lass uns für die Ukraine beten!“ Nun konnten wir in direktem Kontakt ein paar freundliche Worte wechseln. Mir scheint, die wichtigsten ukrainischen Politiker, die das Land regieren, haben eine schwierige Probe der Treue zu ihrem Heimatland bestanden.

Während meiner Reise hatte ich Gelegenheit, Dominikanerinnen in Tschortkiw und Schowkwa zu besuchen. Seit Kriegsbeginn engagieren sie sich stark für die Bedürftigen und organisieren humanitäre Hilfstransporte. Ich hatte den Schwestern in Tschortkiw nicht angekündigt, dass ich kommen würde. Wenn ich sie früher mit Ankündigung besuchte, waren sie immer sehr gastfreundlich, was sich unter anderem in einem reich gedeckten Tisch äußerte. Unter den Kriegsbedingungen wollte ich ihnen keinen zusätzlichen Stress machen und beschloss daher, unangekündigt an der Klosterpforte zu läuten. Schwester Eugenia, die Oberin der Gemeinschaft, öffnete die Tür. Die beiden anderen Schwestern brachten gerade humanitäre Hilfe nach Yasnyshche, ein Dorf 125 km von Tschortkiw entfernt. Es ist ein wichtiger Ort, weil die Gründerin der Kongregation der Dominikanerinnen, Mutter Rosa Kolumba Bialecka, von dort stammt.

Gestern bin ich frühmorgens dann nach Schowkwa gefahren. Ich feierte die Messe in der kleinen Klosterkapelle, in der die Ikonen vieler dominikanischer Heiliger hängen. Es tut gut, in solcher Gesellschaft zu beten… heilige Ikonen und wunderbare, mutige Schwestern! Wir haben gefrühstückt und die Schwestern haben über ihren Dienst erzählt. In Schowkwa, einem Ort nahe der polnischen Grenze, ist viel los. In den ersten Wochen des Krieges setzten sich die Schwestern sehr für die Tausenden von Flüchtenden ein, die täglich an den Grenzübergängen warteten. Jetzt leisten sie in Zusammenarbeit mit lokalen Freiwilligen humanitäre Hilfe, die in der Ukraine nach wie vor dringend benötigt wird. Wir setzten unsere Reise mit Liana fort, einer außergewöhnlichen Freiwilligen aus Schowkwa. Sie ist Historikerin und arbeitet in einem Museum in Lwiw. Ich habe von ihr viel über das Helfen und das Leben unter Kriegsbedingungen erfahren und gelernt. Sie war auf dem Weg, um eine Ladung medizinischer Utensilien abzuholen, die aus den USA bald das Leben unserer Soldaten an der Front retten werden.

Liebe Leserinnen und Leser meiner Briefe, ich habe gestern die Grenze überquert und bin in Polen. Ich werde in etwa zwei Wochen nach Kiew zurückkehren. Wenn Sie in oder in der Nähe von Warschau sind, lade ich Sie herzlich zu den Exerzitien ein, die ich von Palmsonntag bis Ostermittwoch in der Kirche St. Hyazinth von Polen an der Freta-Straße halten werde. Da ich in meinen Briefen immer von dem berichte, was ich selbst an Orten, an denen Krieg herrscht, gesehen, gehört und erlebt habe, werde ich somit eine Schreibpause einlegen. Ich wünsche mir, dass in naher Zukunft keine Briefe und keine Kriegsgeschichten mehr nötig sein werden. Vielen Dank für Ihre große Solidarität mit der Ukraine, für Ihre Hilfe, für die Geldspenden und vor allem für Ihre Gebete und Fastenopfer für den Frieden.

Mit herzlichen Grüßen und einer Bitte um Gebet,

Jarosław Krawiec OP


Chmelnyzkyj, Dienstag, 5. April, 8 Uhr

Liebe Schwestern, liebe Brüder,

am Sonntag (Anm.d.R.: 03.04.22) erfuhr die Welt von den schrecklichen Kriegsverbrechen gegen die wehrlose Zivilbevölkerung in Bucha, der Stadt, die weniger als 20 km westlich von Kiew liegt. Bis vor kurzem war sie noch eine Oase des Friedens. Jetzt ist diese wunderschön gelegene Stadt Teil der Geschichte menschlicher Niedertracht geworden. An jenem Abend hörte ich das ukrainische Radio. Die Taten der russischen Verbrecher – ich nenne sie Verbrecher, weil ich Menschen, die Mörder und Vergewaltiger sind, nicht als Soldaten bezeichne – wurden mit den Ereignissen in Srebrenica verglichen. Dort wurde während des Bosnienkriegs 1995 ein Massaker an Tausenden bosnischer Muslime verübt. Traurigerweise ist Bucha nicht der einzige Ort in diesem Krieg. Gestern habe ich Fastiw besucht. Als ich zum Café im Zentrum St. Martin hinunterging, teilte Pater Misha den Freiwilligen gerade ihre täglichen Aufgaben zu. Schwester Augustine schrieb in ein Notizbuch, wieviel, an wen und wohin die Dinge geliefert werden mussten. Jemand fragte nach den Makarivs, woraufhin Mischa antwortete: „Sie beerdigen heute die Toten.“

Seit Beginn des Krieges sind viele Menschen in Massengräbern bestattet worden, weil keine Friedhöfe zur Verfügung standen und die Zahl der Opfer sehr hoch war. Ich hörte die Erzählung eines Polizeibeamten, der die Zhytomyr-Straße unmittelbar nach ihrer Rückeroberung durch die Besatzungstruppen befahren hatte. Bis vor kurzem war diese Straße eine der wichtigsten Autobahnen außerhalb von Kiew gen Westen. Der Polizist erzählte mir, wie er versuchte, die Familien der Hingerichteten zu erreichen, um ihnen mitzuteilen, wo ihre Angehörigen begraben sind. Dank dieser Informationen könnten sie die Leichen finden und eine ordentliche Bestattung vorbereiten. Gestern verbrachte ich den größten Teil des Tages im Auto auf dem Weg von Kiew nach Chmelnyzkyj. Ich kam an einigen Friedhöfen in Dörfern und Kleinstädten vorbei. Man konnte frische Gräber sehen, die mit bunten Plastikkränzen geschmückt waren, die in der Ukraine so beliebt sind. Ich weiß nicht, ob die Gräber Opfer des Krieges enthielten. Aber die Wahrscheinlichkeit ist sehr hoch; genau wie in Zhovkva, wo Pater Wojciech aus Lviv gestern zu Besuch war. Ich muss hinzufügen, dass mich die Art und Weise, wie die Ukrainer von ihren Soldaten Abschied nehmen, immer sehr bewegt hat, dass sie sie wie Helden behandeln: Wenn die Särge mit ihren sterblichen Überresten abtransportiert werden, gehen die Menschen auf die Straße und knien nieder. Vergleichbare Bilder waren 2014 zu sehen, als die ganze Ukraine Abschied von der sogenannten „Himmlischen Sotnia“ nahm, von den Menschen, die während der Revolution der Würde auf dem Maidan, dem Unabhängigkeitsplatz in Kiew, getötet wurden. Ich habe damals an einer dieser Abschiedszeremonien in Iwano-Frankiwsk teilgenommen. Ich werde sie nie vergessen. Die damaligen Proteste auf dem Maidan und die Entmachtung von Präsident Janukowitsch können als ein Impuls betrachtet werden, der als Grund für die Aggression Russlands gegen die Ukraine genutzt wurde. Jener Krieg dauert nun schon acht Jahre an, und seine Opfer werden nicht in Tausenden, sondern in Zehntausenden von Menschen gezählt.

Auf dem Weg nach Chmelnyzkyj, als mich die Navigations-App auf meinem Handy durch eine Vielzahl verworrener Straßen führte, bemerkte ich Mütter, die mit ihren Kindern in den Dörfern spazieren gingen. Das habe ich noch nie in diesem Ausmaß gesehen, und ich bin schon Hunderttausende von Kilometern auf ukrainischen Straßen gefahren. Kürzlich sprach ich mit dem polnischen Botschafter in Kiew, der mir sagte, dass man im Krieg die Kinder besonders intensiv wahrnimmt. Er hat absolut Recht! Es könnte sein, dass wir dies aus einem unbewussten Mitgefühl heraus tun, aus einer besonderen Konzentration der Aufmerksamkeit auf diese kleinen Menschen, die jetzt mit ihren Müttern und Großmüttern durch die ruhigeren Teile der Ukraine und der Welt wandern. Andere sitzen wie Schatten in dunklen, kalten Kellern von Mariupol, um nicht von der mörderischen Armee gefunden zu werden.

Man kann viele Autos sehen, die in Richtung Kiew fahren. Der Rückzug der russischen Armee und ein weiterer friedlicher Tag in der Hauptstadt haben offensichtlich einige Einwohner zur Rückkehr bewogen. Gestern Morgen habe ich auf den Straßen von Kiew Stadtbusse gesehen und einen Hinweis, dass man den Dnjepr mit der U-Bahn überqueren kann. Es scheint ein kleines Detail zu sein, aber für das tägliche Leben normaler Menschen sind funktionierende öffentliche Verkehrsmittel unerlässlich. Der Bürgermeister der Stadt rät jedoch den Kiewer Bürgern, die jetzt in sicheren Vierteln leben, ihre Rückkehr nicht zu überstürzen, zumindest nicht in den nächsten Tagen. Die Stadt ist noch immer nicht völlig sicher.

Viele humanitäre Konvois fahren in Richtung Kiew und von dort weiter nach Osten, Norden und Süden. Sie bestehen aus langen Lkw-Kolonnen, wie die, an der ich in Letychiv vorbeikam und die Hilfsgüter aus der Türkei brachten, aber auch aus Lieferwagen und Pkws mit Freiwilligen. Es gibt auch Reisebusse, die regelmäßig Menschen aus Polen transportieren. Einer davon erregte meine besondere Aufmerksamkeit. Auf dem Schild hinter der Windschutzscheibe stand: „Slupsk – Mariupol“.

Ich konnte Autos sehen, die mit Menschen und Gepäck gefüllt waren, manchmal auf dem Dach befestigt, mit Nummernschildern aus den Regionen Luhansk, Donezk und Charkiw. Wie weit sie schon gefahren sind! Sie haben sich entschlossen, die Region zu verlassen auf nachdrückliches Drängen der Behörden hin, da es dort bald zu schweren Kämpfen kommen könnte. Leider benutzt die russische Armee die Zivilbevölkerung als lebende Schutzschilde, weshalb die Behörden die Menschen bitten, die Region zu verlassen, damit unsere Armee den Feind mit Würde bekämpfen kann. Gestern verließen zwei Busse mit Menschen aus Mykolaiv und Cherson Fastiw.

In einem Außenbezirk von Chmelnyzkij bot eine lächelnde junge Freiwillige Passanten heißen Tee aus einer Thermoskanne an. Es ist eine sehr einfache Geste, die für diese Menschen aber sehr wichtig ist, denn sie bedeutet, dass jemand auf sie wartet.

Von Anfang an war eine der Kriegswaffen das Wort. Ich werde hier nicht auf die russische Propaganda eingehen, denn die kennt jeder gut. Lassen Sie mich stattdessen einige Schilder und Werbetafeln an der Autobahn erwähnen. An vielen Orten in Chmelnyzkyj habe ich Plakate in englischer Sprache gesehen, auf denen stand: „Russen töten unsere Kinder“. Es gibt auch religiöse Themen. Auf einer der Plakatwände an der Autobahn wurden die Soldaten der Besatzungsarmee als Diener des biblischen Herodes dargestellt. Vor einiger Zeit sah ich auf einer der Barrikaden in Kiew eine Kopie der „Heiligen Javelina“, einer mit ukrainischen Symbolen geschmückten Ikone der Gottesmutter, die anstelle des Jesuskindes eine amerikanische Panzerabwehrrakete, die Javelin, in der Hand hält. Ich verstehe die vielleicht edlen Absichten des Autors dieses Bildes, aber es gefällt mir wirklich nicht. Genauso denke ich über den Spruch, der seit Kriegsbeginn fast überall hingemalt und wiederholt wird: „Zum russischen Kriegsschiff, geh …“ (Anm.d.R.: der Fäkalausdruck wurde vom Autor ausgespart). Zahlreiche umsichtige Ukrainer, die ich schätze, haben begonnen, gegen Vulgarität in der öffentlichen Debatte zu protestieren. Der ostukrainische Bischof Taras Senkiv drückte es am klarsten aus: „Das ist kein Instrument des Krieges, sondern ein Zeichen der Niederlage.“

Ich sende den heutigen Brief am Morgen aus dem Priorat in Chmelnyzkyj. Ich bin hierher gekommen, um mich mit den Brüdern Jakub und Wlodzimierz zu treffen. Dieser Ort ist zu einem Zufluchtsort für Geflüchtete aus Kiew und Charkiw geworden, ähnlich vielen religiösen Häusern, die ihre Türen geöffnet haben, um Menschen, die vor dem Krieg fliehen, ein Zuhause zu geben. Wir geben nicht nur an sie weiter (das meiste, das wir ihnen anbieten, haben wir von anderen erhalten). Aber wie ich immer wieder feststelle, sind sie es, die ein Geschenk für uns sind. Das habe ich vor ein paar Monaten zum ersten Mal erlebt, als unsere Kiewer Gemeinde Geflüchtete aus Kabul beherbergte. Es ist ein bisschen wie in dem Gedicht „Gerechtigkeit“ von Pater Jan Twardowski, das mich mein ganzes Leben lang begleitet:

Wenn jeder vier Äpfel hätte
Wenn jeder stark wäre wie ein Pferd
Wenn jeder in der Liebe gleich wehrlos wäre
Wenn jeder das Gleiche hätte
Niemand bräuchte jemanden.
Es sieht so aus, als lebten wir in der Zeit der Gerechtigkeit Gottes, 
in der wir einander brauchen.

Mit herzlichen Grüßen und der Bitte um Ihr Gebet

Jarosław Krawiec OP


Kiew, 02. April, 17:20 Uhr

Liebe Schwestern, liebe Brüder,

Gestern hatte Kiew einen der ruhigsten Tage seit Kriegsbeginn. Ich habe keine einzige Sirene gehört, obwohl ich in der App „Digitales Kiew“ gesehen habe, dass es zwei Luftangriffsalarme gab. Nur zwei – an anderen Tagen waren es bis zu zwanzig. Gestern konnte man keine ständigen Explosionen hören, sondern nur ab und zu so etwas wie ein entferntes „Donnern“. Kein Wunder, dass so viele Menschen auf den Straßen erschienen. Die Stimmung ist jetzt friedlich, was durch die Nachricht vom Rückzug der Besatzungstruppen aus den Außenbezirken von Kiew noch verstärkt wird, was es allen erlaubt, sich ein wenig zu entspannen. Ich möchte hier hinzufügen, dass diese Nachricht vom ukrainischen Militär kam; niemand glaubt hier mehr den Erklärungen und Versprechungen der Russen. Es ist nicht verwunderlich, dass nach so vielen Lügen das Vertrauen völlig verschwunden ist. Als ich mich heute Abend an den Computer setzte, um die Nachrichten zu lesen, schwand meine Hoffnung auf ein schnelles Ende des Kampfes um die Hauptstadt leider ein wenig. Gestern hat Vitali Klitschko, der Bürgermeister der Stadt, an alle, die Kiew verlassen haben, appelliert, ihre Rückkehr nicht zu überstürzen, da die Lebensgefahr immer noch sehr hoch ist. „Es ist besser, noch ein paar Wochen zu warten und die Situation abzuwägen“, fügte er hinzu. Wie auch immer, wir genießen noch immer die Stille um uns herum.

Kiew wird mit jedem Tag lebendiger. Genau wie die Natur im Frühling. In den letzten Jahren sind in vielen ukrainischen Städten Kaffeebuden aus dem Boden geschossen. In unserer Nachbarschaft findet man sie an jeder Ecke. Die meisten von ihnen bieten heute Kaffee an, nachdem vor zwei Tagen noch nur eine geöffnet war.

m Donnerstagabend saß ich mit zwei polnischen Journalisten im Refektorium des Priorats beim Tee. Jemand, der übliche Männerrunden kennt, hätte gedacht, dass unsere Gläser etwas anderes als Tee enthielten. Aber ich kann Ihnen versichern, dass es nichts anderes als Tee war, wenngleich erst am Freitag das Verbot in Kiew aufgehoben wurde und Alkohol wieder in die Regale der Geschäfte kam. Ich war in letzter Zeit nicht einkaufen, weiß also nicht, ob es lange Schlangen vor den Spirituosengeschäften gab. Für uns Priester hat die Aufhebung des Verbots besonders positive Aspekte. Es wird endlich kein Problem mehr sein, Wein für die Messe zu kaufen.

Und das ist nicht zum Lachen, denn wie Sie alle wissen, reicht es nicht aus, einen guten Willen und einen geweihten Priester zu haben, um die Messe zu feiern, sondern man braucht auch Brot (Hostien) und Wein. Beides ist sehr schwer zu bekommen, seit der Alkohol aus den Geschäften verschwunden ist und die Schwestern, die früher Hostien gebacken haben, aus dem Kriegsgebiet evakuiert worden sind. Glücklicherweise kümmerte sich Bruder Jaroslaw aus Warschau um den Bedarf des Kiewer Priorats. Er fügte einem der humanitären Transporte aus Freta eine kleine Kiste hinzu, die mit allem gefüllt war, was für die Feier der Eucharistie benötigt wird. Es ist schön, solche Brüder zu haben!

Lassen Sie mich auf meine beiden Journalisten zurückkommen. Da einer von ihnen Schriftsteller und der andere Fotograf ist, stehen sie nicht in Konkurrenz zueinander, und so begannen sie, gemeinsam in die schwierigsten Gebiete der Ukraine zu reisen. Wenn ich nicht wüsste, dass sie sich erst vor zwei Wochen in Kiew bei der Konferenz mit den Premierministern Polens, Sloweniens und der Tschechischen Republik getroffen haben, wäre ich fest davon überzeugt, dass sie alte Freunde sind. Was sie einander so nahegebracht hat, war ihr gemeinsame Erlebnis: Sie sind gerade aus Tschernihiw zurückgekehrt, eine der ältesten Städte des alten Russlands im Norden des Landes, sie wurde von der russischen Armee umzingelt und stark beschädigt. Ich hoffe, dass das orthodoxe Kloster der beiden Heiligen Boris und Gleb, das im 12. Jahrhundert erbaut wurde und im 17. Jahrhundert den Dominikanern gehörte, im Stadtzentrum noch steht. Ich erinnere mich, wie eine Freundin mir vor ein paar Wochen von einem Telefonat erzählte, das sie mit ihrem Bekannten in Tschernihiw führte. Er saß mit seiner Familie im Keller und rief alle seine Freunde an, um sich zu verabschieden. Ich hoffe, dass er irgendwie überlebt hat.

Die Russen haben die Brücke zerstört, über die humanitäre Hilfsgüter in die Stadt gebracht werden sollten. Jetzt muss man den Fluss Desna mit dem Boot überqueren, was schwierig, gefährlich und sehr uneffizient ist. Die Journalisten erzählten mir das, was sie gesehen haben. Wie sie versuchen, den Krieg zu beschreiben und zu fotografieren. Es ist ein schwieriges Thema, vor allem, wenn man die Wahrheit zeigen will. Als ich ihnen zuhörte, hatte ich den Eindruck, dass es sich um Menschen handelt, die wirklich der Welt die wahre Geschichte erzählen wollen. Ich bewundere ihren Mut und ihr Engagement. Sie erzählten mir, dass ihr Fahrer auf der Rückfahrt von Tschernihiw sehr wütend wurde, als er einige Männer am Ufer des Dnjepr fischen sah. „Wie kann es sein“, schrie er, „dass in Kiew Leute angeln und 130 Kilometer weiter zur gleichen Zeit Menschen an Kugeln, Bomben, Ermüdung und Hunger sterben.“ Inzwischen braucht man nicht 130 Kilometer. Es reicht aus, 20 Kilometer nach Irpin, Bucha oder Vorzel zu fahren, um die Hölle zu sehen. Der Krieg schafft eine bizarre und ungerechte Welt mit radikalen Gegensätzen.

Kürzlich amüsierte mich eine Geschichte über die schweren Kämpfe, die im Keller unseres Priorats stattfinden. Der Feind sind in dem Fall nicht die Russen, sondern Mäuse. Sie haben vor ein paar Tagen damit begonnen, unsere Keller zu besetzen, und es scheint, dass sie menschliche Gesellschaft mögen, nachdem die Keller einigen von uns als Wohnräume dienen. Dominic hat zusammen mit ein paar Jungs verschiedene Methoden ausprobiert, um sie loszuwerden. Es gelang ihnen sogar, eine Mausefalle zu kaufen. Aber die Tiere wichen ihr akribisch aus. Nicht einmal eine köstliche polnische Krakauer hat sie in Versuchung geführt. Sie starben erst, als Dominic Salo verwendete, einen speziell zubereiteten Speck, der zu den ureigenen Köstlichkeiten der ukrainischen Küche gehört. Wie kann Russland versuchen, diesen Krieg zu gewinnen, wenn selbst die Mäuse wissen, dass das beste Zeug ukrainisch ist!

Ich habe schon oft über ältere Menschen gesprochen, die Hilfe brauchen. Lassen Sie mich heute unsere älteren Dominikanerinnen aus Fastiw erwähnen, die Hilfe anbieten. Schwester Monica, die nicht viel jünger ist als unser Heiliger Vater Franziskus, lebt seit vielen Jahren in der Ukraine. Sie war früher Mutter Oberin, das heißt, sie war die Leiterin der Kongregation der Dominikanerinnen der Missionen. Pater Jan ist nicht viel jünger in seinem missionarischen Dienst. Viele Jahre lang war er als Pfarrer der Gemeinde in Chortkiv tätig, und sein großzügiges Herz ist vielen dort noch in Erinnerung. Sowohl Schwester Monica als auch Pater Jan besitzen die gleiche Hartnäckigkeit, die mit jedem Jahr zu wachsen scheint. Damit meine ich natürlich die Hartnäckigkeit in ihrem Eifer für die Menschen, denen sie dienen. Schon seit Wochen sind die Gänge des Klosters der Schwestern in Fastiw mit Kisten voller Hilfsgüter gesäumt. Wie jedes Jahr vor Ostern steigen unsere älteren Dominikanerinnen in ein Auto und fahren in die umliegenden Dörfer, um die kranken und älteren Gemeindemitglieder zu besuchen. Es gibt diesen Menschen die Gelegenheit, zur Beichte zu gehen und die heilige Kommunion zu empfangen, aber auch einfach ein Gespräch mit einer Schwester oder einem Priester zu führen. Schließlich kennen sie sich schon seit vielen Jahren. Bis vor kurzem war Schwester Monica die Fahrerin des Lada der Schwestern. Dieses Jahr wird sie von einem Gemeindemitglied unterstützt. So ist es viel einfacher, da sie große Pakete mit Lebensmitteln ausliefern müssen. Es dürfte auch sicherer sein, denn wie ich unsere Senioren kenne, würden sie zu den Orten fahren, die noch von den Russen besetzt sind. Es ist gut, dass wir so schöne Menschen wie Schwester Monica und Pater Jan in unserer dominikanischen Familie haben.

Lassen Sie mich zum Schluss noch Zakarpattia erwähnen. Das ist eine Region der Ukraine, die an die Slowakei, Ungarn, Rumänien und Polen grenzt. Einige unserer älteren Brüder stammen von dort, darunter der Bischof der Diözese Mukachevo, Pater Nicholas. Er erzählte mir kürzlich, dass sie schätzen, dass Zakarpattia zwischen zwei- und dreihunderttausend Flüchtlinge aufgenommen hat. Vor dem Krieg lebten in der Region etwa eine Million Menschen. Bischof Nicholas unterstützt uns enorm, und nicht nur uns. Er hilft bei der Koordinierung der humanitären Hilfsgüter für Fastiw und ermutigt viele ukrainische Gläubige mit seinen weisen Worten und Gebeten. Nicholas ist sehr dankbar für die Anwesenheit von Pater Irenaeus in Mukachevo. Als wir beschlossen, das zerbombte Charkiw vorübergehend zu verlassen, landete Irenäus zusammen mit einigen Gemeindemitgliedern in Zakarpattia. Er lebt jetzt im Kloster der Dominikanerinnen aus der Slowakei und arbeitet mit großem Eifer in der Kathedrale von Mukatschewo. Mit seinem priesterlichen Dienst reist er auch in die Nachbardörfer. Als ich heute mit ihm sprach, hatte er gerade ein Treffen mit der örtlichen Gemeinschaft der dominikanischen Laien beendet. Ich sehe in dieser ganzen Geschichte die liebevolle Vorsehung Gottes.

Gestern Abend erhielt ich eine Nachricht von Pater Wojciech aus Lemberg: „Janek ist gerade auf dem Weg zum Schlachtfeld, bitte denken Sie an ihn im Gebet.“ Er meinte damit unseren Laien-Dominikaner aus Lviv. Er wurde vor kurzem eingezogen. Da er zuvor in der Armee gedient hat, kennt er das Soldatenhandwerk. Bitte beten Sie alle auf der ganzen Welt für Janek, seine Frau und seinen kleinen Sohn. Möge er tapfer für die Ukraine kämpfen und sicher nach Hause zurückkehren!

Mit herzlichen Grüßen und der Bitte um Ihr Gebet,

Jarosław Krawiec OP


Kiew, 30. März, 19:00 Uhr

Liebe Schwestern, liebe Brüder,

seit meinem letzten Brief an Sie ist ein wenig mehr Zeit als üblich vergangen. Wenn ich beobachte, was jetzt um uns herum geschieht, scheint mir, dass es einen Übergang von der Romantik der ersten Kriegstage zu dem Realismus und Pragmatismus der folgenden Monate gibt. Was bedeutet das? Erstens, dass wir uns daran gewöhnen, unter diesen Bedingungen zu leben. Ich sehe das sehr deutlich in Kiew. Seit Montag wurde die Ausgangssperre, die nun von 21.00 bis 6.00 Uhr gilt, reduziert und immer mehr Geschäfte und Dienstleistungen sind geöffnet. Sogar vor einem nahegelegenen Friseursalon gab es keine Warteschlange mehr, wie es zunächst üblich war. Der Besitzer schrieb am Eingang, dass Soldaten, Polizisten und die Territoriale Verteidigung für Haarschnitte nicht zu bezahlen brauchen. Pater Oleksandr erzählte mir, dass er kürzlich in einer Zahnarztpraxis auf eine ähnliche Information gestoßen sei.

Gegenüber unserem Kloster befindet sich ein Fitness-Studio. Ich war noch nie dort, aber durch die großen Glasfenster konnte man hineinsehen. Jetzt sind die Schaufenster mit Papier beklebt, so dass man nicht mehr sehen kann, was drinnen vor sich geht, aber an der Eingangstür hängt ein Zettel, auf dem es geschrieben steht, dass man dreimal pro Woche kommen und trainieren kann. Ich vermute, dass es Menschen gibt, die bereit sind, sich anzuschließen. Denn nicht jeder, der seine Muskeln stärken möchte, begnügt sich damit, Sandsäcke zu füllen und sie zum Beispiel um Denkmäler herum zu platzieren. Auf diese Weise sollen die Denkmäler vor möglichen Schüssen geschützt werden, die sie beschädigen könnten.

Apropos Denkmäler… Am Sonntag fand in der Bibliothek des Instituts St. Thomas in Kiew ein Poesieabend mit Oleksandr Irwanc, einem ukrainischen Dichter, Schriftsteller, Dramatiker und Übersetzer, statt. Ein paar Tage zuvor hatte ich seine Frau Oksana kennengelernt, die ebenfalls im Kunstbereich tätig ist, und lud beide zum Sonntagsessen ein. Oksana und Oleksandr hatten zuvor in Irpin gelebt, einer Stadt in der Nähe von Kiew, die von russischen Truppen zerstört und anschließend mehrere Wochen lang besetzt worden war. Erst gestern ist es der ukrainischen Armee gelungen, die Stadt aus den Händen des Feindes zurückzuerobern. Unsere Sonntagsgäste wurden zusammen mit der über 90-jährigen Mutter von Frau Oksana samt ihrer Katze von Freiwilligen evakuiert, nachdem sie mehrere Wochen unter russischen Fässern gelebt hatten. In der Stadt gab es keinen Strom, kein Gas und kein Wasser mehr. Oleksandr hörte jedoch nicht auf, Gedichte zu schreiben. Als sie flohen, nahmen sie fast nichts mit. „Ich habe nur einen Band mit meinen Gedichten mitgenommen, als ich von zu Hause wegging“ sagte er. Es war sehr bewegend, die Kriegsgedichte des Autors in den Mauern unseres Klosters zu hören. In einem der Gedichte hieß es scherzhaft, dass die Denkmäler jetzt für die Ukraine kämpfen: „Im Zentrum von Butscha [Anm. d.V.: einer Nachbarstadt von Irpin] stand ein gepanzerter Wagen auf einem Sockel, der an die ukrainischen Soldaten erinnerte, die während der Sowjetzeit in Afghanistan gefallen sind. Als die Russen Butscha angriffen, sahen sie das Denkmal aus der Ferne und begannen, es zu beschießen. Sie haben fast ihre gesamte Munition verschossen, und dann kam unsere und zerstörten sie“, erklärte Irwaneć.

Ein anderes Gedicht befasste sich mit dem Thema Vergebung (ich zitiere die Übersetzung von Zbigniew Dmitroc):

„Aus einer von Raketen zerstörten Stadt

rufe ich heute in die ganze Welt hinaus:

Dieses Jahr am Sonntag der Versöhnung,

werde ich nicht allen vergeben können!“

Als Oleksandr Irwanec sein Gedicht zu Ende gelesen hatte, schwieg er einen Moment und fügte dann hinzu: „Ich weiß, dass man verzeihen sollte… aber in dem Gedicht habe ich genauso geschrieben, wie ich es fühle.“ Die großen Fragen der Vergebung, der Schuld und der kollektiven Verantwortung des russischen Volkes und Weißrusslands, von dessen Territorium aus täglich Raketen in die Ukraine fliegen, werden uns sicherlich noch jahrelang begleiten und eine schwierige Suche nach Antworten erfordern. Für mich ist diese Antwort das Kreuz Christi. „Denn Gott wollte mit seiner ganzen Fülle in ihm wohnen, um durch ihn alles auf ihn hin zu versöhnen. Alles im Himmel und auf Erden wollte er zu Christus führen, der Frieden gestiftet hat am Kreuz durch sein Blut“ (Kol 1,19-20).

Ich war gestern in Fastiw. Pater Mischa hat mich um einen Gefallen gebeten. „Könntest du zu den Karmelitern gehen und die Reliquien des Heiligen Kreuzes mitbringen, die sie mir versprochen haben?“ Solche Bitten werden nicht abgelehnt. Aus Fastiw habe ich die Reliquien der hl. Rosa Maria Czacka geholt, die Pater Mischa und ich schon aus Warschau mitgebracht hatten, und heute wurden sie den Karmelitinnen in Kiew geschenkt. Also machte ich meinen kleinen „Kreuzzug“ nach Sviatoshyn, dem Stadtteil von Kiew, in dem die Karmeliter ihre Pfarrei und ihr Kloster haben. Dies ist der westliche Stadtrand, so dass die Kämpfe ein paar Kilometer entfernt sehr laut und deutlich zu hören sind. Die Karmeliterpatres sind bereits daran gewöhnt. Ich kam mir vor wie auf einem Schießstand. Glücklicherweise ist in der Nähe des Klosters bisher nichts explodiert. Möge es so weitergehen. Pater Marek öffnete in meinem Beisein den Reliquienschrein und schenkte der Pfarrgemeinde in Fastiw ein „kleines Stück des Heiligen Kreuzes“. Unsere Kirche ist der Erhöhung des Heiligen Kreuzes geweiht, und Pater Mischa hat lange davon geträumt, diese Reliquien dort zu haben. Sie werden bald nach Fastiw gebracht, während des schrecklichen Krieges, im Jahr des Heiligen Kreuzes, das wir jetzt in der Ukraine feiern. Guter Gott, wie kannst du all das so arrangieren!

Gestern wurde ich in Fastiw Zeuge, wie ein weiterer Bus mit Flüchtlingen in Richtung polnische Grenze abfuhr. Jeder dieser Aufbrüche ist ein Zeichen der Trauer über die Trennung von geliebten Menschen, ihrem Land, ihren Häusern, geliebten Orten, Tieren und Habseligkeiten, und gleichzeitig ein Zeichen der Rettung und der Hoffnung, dass es immer einen Ausweg gibt. Jeder Konvoi bedeutet konkrete Arbeit für viele Menschen in Polen und in der Ukraine. Es ist auch die kleine Spende, die jemand gibt, um das Leben von unschuldigen Frauen, Kindern und älteren Menschen zu retten. Schließlich sind es auch Lebensmittel, Medikamente und andere notwendige Dinge, die aus Polen kommen. Ich danke Ihnen!

Sich an das Leben unter Kriegsbedingungen zu gewöhnen, bedeutet keineswegs, dass die Dinge ruhiger und sicherer werden. Die letzte Nacht war außergewöhnlich laut. Die ganze Zeit über waren Explosionen und Schüsse zu hören. Zum Glück arbeiten „unsere Jungs“ von der Kiewer Flugabwehr unermüdlich Tag und Nacht. Sie erinnern mich ein wenig an das Schwert und den Schild in den Händen des Erzengels Michael, deren Statuen im Zentrum der Hauptstadt auf dem Unabhängigkeitsplatz, über dem Goldenen Tor von Kiew und in unserer Klosterkapelle stehen. Beim Frühstück erzählte mir Pietro, Reporter einer italienischen Zeitung, der für einige Tage in unserem Kloster wohnt, von einer besonders unruhigen Nacht. Übrigens bewundere ich diesen Italiener dafür, dass er sich nicht ein einziges Mal über die ukrainische Küche beschwert, obwohl er zum ersten Mal hier ist.

Der Übergang von der Romantik der ersten Kriegstage zum Pragmatismus der folgenden Monate bedeutet auch die Rückkehr vieler in ihre Häuser und Wohnungen, die sie vor kurzem verlassen hatten. Täglich mache ich am späten Abend einen Spaziergang über den Hof unseres Klosters mit einem Rosenkranz in der Hand. Ich schaffe es nicht immer, den Rosenkranz vollständig zu beten, weil mich manchmal zu viele Gedanken daran hindern, jedes Gesätz abzuschließen. Ich betrachte die Hochhäuser, die unser Kloster von allen Seiten umgeben. Eines davon hat mehr als 20 Stockwerke. Es gehen dort immer mehr Lichter an, immer mehr Menschen kehren in ihre Häuser zurück, auch wenn es dort keineswegs sicherer oder ruhiger ist. Gut, dass sie einen Ort haben, an den sie zurückkehren können. Leider hat dieser Krieg bereits Hunderttausenden von Menschen die Heimat genommen. Mariupol, Charkiw, Tschernihiw, Irpin, Hostomel… eine lange Litanei von Ruinen und menschlichen Tragödien. Ich bin davon überzeugt, dass die meisten Flüchtlinge aus der Ukraine, selbst diejenigen, deren Häuser von Bomben zerstört wurden, sich nicht heimatlos fühlen – sie haben ihre Heimat und hoffen, dass diese frei sein und sich aus den Trümmern erheben wird.

Ich möchte mit den Worten des polnischen Dichters Adam Zagajewski schließen, der in Lwiw geboren wurde, aus dem er 1945 mit seinen Eltern floh: „Obdachlos zu sein bedeutet nicht, dass man unter einer Brücke oder auf dem Bahnsteig einer wenig frequentierten U-Bahnstation lebt (wie z.B. die Station „Europa“ der U-Bahnlinie Pont de Levallois – Gallieni); es bedeutet nur, dass eine Person, die von diesem Makel betroffen ist, nicht in der Lage ist, eine Straße, eine Stadt oder eine Siedlung zu nennen, die ihr Zuhause, ihre – wie wir früher sagten – kleine Heimat sein könnte. (aus dem Essay „Zwei Städte“).

Es kam heute ein bisschen poetisch rüber… Mit herzlichen Grüßen aus Kiew und der Bitte um ein Gebet,

Jarosław Krawiec OP


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