Dominikanische Stimmen aus der Ukraine – Woche 3

Wir verstärken hier die Stimmen unserer Mitbrüder aus dem ukrainischen Kriegsgebiet auf Deutsch. Sie engagieren sich mit allen Kräften in Worten, Taten und Gebeten vor Ort für Menschen, die Hilfe brauchen. Wenn Sie unsere dominikanische Familie in der Ukraine unterstützen wollen, empfehlen wir, dies über ihre Aktionswebseite hilfeukraine.dominikanie.pl umzusetzen. Dort haben die ukrainischen Dominikaner mit ihren polnischen Mitbrüdern Infos und direkte Wege aufgeführt: Was wird dringend gebraucht? Wo helfen die Dominikaner im Kriegsgebiet? Wie kommen die Sachen zu den Menschen? Will ich Gelder spenden oder direkt konkrete Lebensmitteleinheiten? Herzlichen Dank an alle Unterstützenden!

In seinem Videoformat „Briefe aus der Ukraine“trägt unser Noviziat (->Link zum Youtube-Kanal)die Briefe unten übrigens gesprochen vor für alle, bei denen der Weg zum Herzen über die Ohren führt.


Kiew, 13. März 2022, 19:30 Uhr

Liebe Schwestern, liebe Brüder,

seit meinem letzten Brief sind ein paar Tage vergangen. Diese Unterbrechung ist keineswegs auf tragische Ereignisse zurückzuführen. Im Gegenteil. Ich habe es endlich geschafft, nach Fastiw hinzufahren. Ich habe bereits meine Brüder Mischa, Jan, Pawel und Igor, meine dominikanischen Schwestern Damiana, Monika, Augustyna und Gala und die außergewöhnlichen Freiwilligen vermisst, die das Zentrum St. Martin de Porres tatkräftig unterstützen, ganz zu schweigen von Wira, Katia und Zosia. Telefongespräche können ein persönliches Treffen niemals ersetzen. Der Weg nach Fastiw, 80 km von uns entfernt, war ruhig. Wären da nicht die Kontrollen und die mehrfache Überprüfung von Dokumenten und die verschiedenen, zur Verteidigung der Stadt gebauten Hindernisse auf den Straßen, könnte man behaupten, dass es keine Anzeichen für einen Krieg gibt. Natürlich gibt es ihn, und er ist nicht weit von Kiew und Fastiw entfernt. Dieser Krieg ist sehr brutal und grausam.

Nachts in Fastiw konnten wir Explosionen aus der Ferne hören… Das Kloster ist ein einfaches Gebäude, eigentlich eine umgebaute Baracke, die den Dominikanern in den 1990er Jahren von einer Baufirma geschenkt wurde. Die Bedingungen sind bescheiden, aber die Patres, die dort leben, haben sich immer gegen Bequemlichkeit gewehrt, indem sie das gesamte Geld, das sie erwirtschaftet haben, in die Renovierung der Kirche und den Bau des Hauses St. Martin de Porres investiert haben, das zu einem großen Zentrum für soziale Hilfe und Rehabilitation geworden ist.

In der kleinen Kapelle des Klosters beteten wir am Morgen das Stundengebet. Uns gegenüber befand sich ein Kreuz mit Statuen des sterbenden Christus sowie des heiligen Dominikus und der heiligen Katharina von Siena, die unter dem Kreuz knien. Es handelt sich um alte Statuen, wahrscheinlich aus einer Dominikanerkirche oder einem Kloster aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie Pater Misha und ich sie vor Jahren bei einem befreundeten Antiquitätenhändler in Tschortkiw gekauft haben. Heute ist wieder Krieg und wieder stehen die Brüder vor diesen Statuen und geben Gott die Ehre.

Während ich betete, dachte ich an die Dominikanische Familie. In den letzten Tagen haben wir so viele Briefe und Nachrichten von unseren Schwestern und Brüdern aus der ganzen Welt erhalten. So viele Solidaritäts- und Sympathiebekundungen, und die Zusicherung, für die Ukraine zu beten und zu fasten. Im Stundenbuch lasen wir heute die Predigt des heiligen Leo des Großen, der uns ermutigt, uns des Kreuzes Christi nicht zu schämen. „Niemand soll sich fürchten, um der Gerechtigkeit willen zu leiden, und er soll nicht daran zweifeln, dass er den versprochenen Lohn erhält, denn durch die Arbeit kommt man zur Ruhe und durch den Tod zum Leben„. In diesen letzten Tagen geben solche Worte Kraft und Hoffnung.

Nach der Eucharistiefeier gingen Pater Pawel und ich ins Haus St. Martin de Porres um Kaffee zu trinken. In der Kaffeestube trafen wir eine der Familien, die in Fastiw Zuflucht gefunden hatten. Eine Mutter mit drei Kindern. Die Kleinen aßen bunte Kekse und waren offenbar zufrieden mit dem Sonntagmorgen. Eine weitere neue Bewohnerin des Hauses, eine Katze der Rasse „Sphinx“, wenn ich das so sagen darf, ist eingetroffen. Für mich eine eher exotische Art. Ein wenig misstrauisch kam die Katze dennoch immer näher an uns heran. Ich glaube, sie war hungrig. Vielleicht vermisste sie aber Menschen, wie so viele Tiere, die von ihren Besitzern während des Krieges zurückgelassen wurden…

Im nächsten Moment kamen eine Mutter mit ihrem Sohn. Zum Frühstück gab es ukrainischen Borschtsch. Der Junge wollte offenbar nicht allein essen. Mama begann ihn zu füttern. Ich gab ihr einen Stuhl: „Setzen Sie sich hin, das ist bequemer“. Sie bedankte sich bei mir und lächelte. Aber man konnte die Traurigkeit in ihrem Gesicht sehen. Wie auf vielen anderen Gesichtern von Müttern, die ich heute in Fastiw getroffen habe.

Auf dem Rückweg zum Kloster sprach eine andere Frau Pater Pawel an. Auch sie war mit ihrem kleinen Sohn unterwegs. „Ist es möglich, sich hier für eine Evakuierung nach Polen anzumelden?“ fragte sie. Pater Pawel erklärte ihr, dass dies morgen möglich wäre. Sie bedankte sich bei ihm und fragte, ob sie außer sich und ihrem Kind noch jemanden anmelden könne. Und als wolle sie sich verabschieden, fügte sie hinzu: „weil wir aus Donezk kommen. Von Horliwka. Wir sind schon einmal vor einem Krieg geflohen, und jetzt fliehen wir erneut“. Diese Stadt war 2014 von russischen Separatisten überrannt worden, sie wurde Teil der sogenannten Volksrepublik Donezk. Es gibt viele solche Familien, alleinerziehende Mütter, Kinder… sie müssen immer noch fliehen, um ihr Leben zu retten.

Seit Kriegsbeginn haben die Brüder in Fastiw bei der Evakuierung von 972 Menschen geholfen. Eine große Zahl von ihnen ist in Polen in Sicherheit. Andere haben sich in die Westukraine abgesetzt. Ich konnte auch Lagerhäuser mit humanitärer Hilfe sehen, die aus der Ukraine und mehreren europäischen Ländern in Fastiw ankamen. Ohne Sie könnten wir nicht helfen. Danke, dass Sie das tun!

Bevor ich Fastiw verließ, hatte ich mehrere über Nacht gebackene Brote erhalten. Im Auto roch es wieder nach Brot! Zugegeben, ein wenig vermischt mit dem Geruch von in Flaschen abgefülltem Benzin, das ich unterwegs kaufen konnte, um Treibstoff für den Generator zu haben. Hoffen wir, dass wir ihn nicht anschalten müssen! Es dauerte ein paar Stunden, bis ich zurückkam, denn bei der Einfahrt nach Kiew wurden alle Autos kontrolliert. Es ist trostreich, dass es immer noch einen Zugang zur Stadt gibt, was u. a. bedeutet, dass wir etwas zu essen haben. Den Russen ist es nicht gelungen, sie zu umzingeln.

Ich gab der polnischen Botschaft mehrere Brote von Pater Mischa. Wir tranken Tee mit dem Botschafter, der neben dem apostolischen Nuntius der einzige in Kiew verbliebene Diplomat aus europäischen Ländern (und wahrscheinlich der ganzen Welt) ist. Ich habe auch einige Dinge erhalten, die für die bedürftigen Menschen, denen wir helfen, nützlich sein werden. Während des Gesprächs gingen wir zum Fenster. Wir waren überrascht und lächelten, als wir sahen, wie Kiewer Stadtarbeiter die Straße fegten. Genau wie früher, als ob es keinen Krieg gegeben hätte. Wunderschön! Jetzt wird diese Alltäglichkeit zur Seltenheit.

Meinen heutigen Bericht möchte ich abschließen damit, dass mich dieses außergewöhnliche Bekenntnis eines Katholiken in Russland (Anm. d. Red.: das seit ein paar Tagen durch die Medien geht), sehr bewegt. Bei uns wurde es heute von der Kanzel vorgelesen. Sollte der Autor dieses Bekenntnisses diesen Brief lesen, so möchte ich ihm für diese mutigen und bescheidenen Worte danken. Sie sind ein edler Mann! Möge Ihr Leben erfüllen, was Jesus versprochen hat: „Wenn ihr in meiner Lehre bleibt, werdet ihr wirklich meine Jünger sein, und ihr werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen“. (Johannes 8:31)… obwohl nach dem, was Sie geschrieben haben, diese Worte bereits zu Ihrem Leben werden…

Mit Grüßen und einer Bitte um Gebet,

Jaroslaw Krawiec OP


Kiew, 10. März 2022, 15:30 Uhr

Liebe Schwestern, liebe Brüder,

Heute ist es in Kiew sehr sonnig, wenn auch kalt (-2˚C). Nachts fällt die Temperatur auf -8˚C. Wenn die Heizung funktioniert, ist alles in Ordnung, aber an vielen Orten gibt es weder Strom noch Gas. Deshalb würde ich mich freuen, wenn der Frühling dieses Jahr früher käme und es endlich wärmer würde. Heute habe ich Bilder von Menschen gesehen, die gestern nach Kiew evakuiert wurden. Sie überquerten den vereisten Fluss Irpin, weil die Brücke gesprengt war und es keinen anderen Weg gab. Manche mit Kindern auf dem Arm.

Das seit 30 Jahren von den Dominikanern in Kiew geleitete Institut für religiöse Studien St. Thomas von Aquin hat seine Tätigkeit nicht vollständig eingestellt. Gestern hielt Pater Piotr Oktaba OP einen Vortrag über die synoptischen Evangelien. Online, natürlich. An der Veranstaltung nahmen einige Studenten des ersten Jahres und ein Student des vierten Jahres teil. Pater Piotr erzählte mir heute Morgen, dass es für ihn eine neue Erfahrung war, unter Kriegsbedingungen über die Bibel zu lehren und dabei eine neue Kraft und Bedeutung im Wort Gottes zu entdecken. Ich stimme mit ihm völlig überein. Wenn ich jeden Tag die Bibeltexte lese, die vom Rhythmus der kirchlichen Liturgie bestimmt sind, höre und sehe ich mehr.

Neben ihrem regulären pastoralen Dienst engagieren sich die Brüder in Lviv für die Flüchtlinge, die in großer Zahl in der größten Stadt der Westukraine angekommen sind. Pater Wojciech wohnte einige Tage in einem Benediktinerkloster am Rande von Lviv. Mehr als 100 Geflüchtete fanden dort Zuflucht, darunter auch Benediktinerinnen aus Schytomyr. Pater Tomasz engagiert sich in der städtischen Freiwilligenarbeit.

Im Kunstmuseum im Zentrum von Lviv, das in ein großes Depot für humanitäre Hilfe umgewandelt wurde, sortiert Tomek mit Stadtbewohnern die Spenden: „Manchmal fragen mich die einheimischen Helfer“, sagte er gestern, „was ich, ein Pole, hier mache. Dann sage ich, dass dies auch meine Stadt ist und dass ich Dominikaner bin“. Ich möchte noch hinzufügen, dass Tomeks Mutter aus Lviv stammt. Manchmal sind die Leute überrascht, wenn sie erfahren, wer wir sind. Und dass wir während des Krieges bei ihnen geblieben sind.

Tomek scherzte, dass er den ukrainischen Freiwilligen hilft, zu erkennen, welche Lebensmittel das sind, die aus Polen bei ihnen eintreffen. „Sie können zum Beispiel nicht verstehen, dass `paprykarz szczecinski´ Stettiner Fischpaste ist, gemahlenes Fischfleisch, in Dosen verpackt.“ Ich möchte hinzufügen, dass „paprykarz szczecinski“ während der kommunistischen Ära in Polen ein kultiges Konservengericht war. Wie viele dieser Dosen davon haben wir in unserer Jugend bei Ausflügen in die Berge gegessen…

Ein wachsendes Problem in den vom Krieg betroffenen Gebieten ist der Mangel an Medikamenten. Obwohl viele Apotheken in Kiew geöffnet sind, ist es nicht mehr möglich, die wichtigsten Medikamente zu kaufen. Chronisch kranke Menschen, Diabetiker und ältere Menschen mit Herzkrankheiten leiden sehr darunter. Humanitäre Transporte mit Medikamenten und medizinischer Ausrüstung sind jetzt besonders gefragt.

Wie ich bereits erwähnte, arbeiten wir in Kiew mit einem örtlichen Freiwilligenzentrum zusammen, das nur wenige hundert Meter von unserem Kloster entfernt ist. Es wurde im Theater „Die silberne Insel“ errichtet. Maryna, ein Ensemblemitglied, ist katholisch und unser Kontakt. Nachdem einer meiner Briefe von Pater Adam Szustak OP auf YouTube vorgelesen worden war, hatte sich ein Freund von Maryna bei ihr gemeldet und gesagt: „Geht zu den Dominikanern. Sie haben Brot…“ Und so begann unsere Zusammenarbeit. Das ist die Macht der sozialen Medien! Am Dienstagabend saßen wir im Kloster beim Abendessen mit Maryna und ihrem Freund Juri, auch Schauspieler. Er war gerade aus dem Hostomel zurückgekehrt und erzählte eine außergewöhnliche Geschichte (über diese von russischen Truppen bombardierte und eingenommene Stadt habe ich bereits in einem früheren Brief geschrieben): Juri, der den Ankündigungen vertraute, dass ein humanitärer Korridor für die Evakuierung von Menschen aus diesem Gebiet eröffnet worden war, fuhr mit seinem Auto dorthin. Es gelang ihm, die Stadt zu erreichen und Menschen aufzusammeln. Bei seiner Weiterreise wurde er jedoch von der russischen Armee aufgehalten. Es ist ein Wunder, dass sie nicht sofort auf sie geschossen haben. Offensichtlich überrascht von seiner „Dreistigkeit“, begannen die Soldaten ihn zu fragen, wer er sei und was er hier mache. Er sagte, er sei Schauspieler und arbeite im Kiewer Theater „Die goldene Insel“, und wenn der Krieg nicht wäre, würde heute um 19.00 Uhr die Premiere von Fjodor Dostojewskis „Weiße Nächte“ stattfinden. Um sich davon zu überzeugen, dass er sie nicht anlügt, zwangen die Russen ihn zum Schauspielen… und Juri begann auf der Straße in der Stadt Hostomel angesichts von Gewehrläufen seine Rolle zu spielen – den Träumer. Er hielt erst inne, als Nastia, gespielt von Maryna, mit ihrem Text an der Reihe gewesen wäre. Also fragten ihn die Soldaten, wo ist sie? Juri zeigte geistesgegenwärtig auf sein Handy: „Hier! Zum zehnten Mal versucht sie, mich anzurufen!“ Sie ließen ihn frei, zusammen mit den Menschen, die er so aus dieser Hölle holte… Ich habe Juri gefragt, ob ich seine Geschichte aufschreiben darf. Er war sofort einverstanden… Wenn der Krieg vorbei ist und Sie in Kiew sind, sollten Sie unbedingt das Theater „Silberinsel“ besuchen! (serebrostrov.com.ua).

Wir versuchen im Kloster, unseren normalen, von der Liturgie bestimmten Tagesrhythmus nicht zu verlieren. Morgens gibt es also ein Morgengebet, auch wenn der eine oder der andere verschläft. Aber unter Kriegsumständen sind wir nachsichtiger miteinander. Mittags ruft Pater Jakub diejenigen, die können und wollen, zum Rosenkranz und zur eucharistischen Anbetung. Am Abend feiern wir die Vesper und die Konventsmesse in unserer Gemeinschaft. Man möchte schreiben: normales Klosterleben. Es steckt viel Wahrheit darin: Wir versuchen, normal zu bleiben.

Mit herzlichen Grüßen und einer Bitte um Gebet,

Jarosław Krawiec OP


Kiew, 8. März 2022, 16:45

Liebe Schwestern und liebe Brüder,

Lassen Sie mich heute mit Fastiv beginnen. Das von den Dominikanern und freiwilligen Laien geführte Haus St. Martin de Porres ist seit Beginn des Krieges ein Ort der Flucht und der Entspannung für Menschen, die von den Feindseligkeiten betroffen sind. Eine der Frauen, die zu den ersten gehörte, die in Fastiv Zuflucht suchten und nun sicher in Polen ist, stammt aus Hostomel, einer Stadt, die nur ein Dutzend Kilometer von Kiew entfernt liegt. Sie erzählte mir vor ein paar Tagen, dass ihre Tochter Victoria und ihr kleiner Sohn in der Stadt geblieben sind. Wie viele andere Menschen aus ihrem Viertel „Pokrowskyj“ befanden sie sich unter russischer Kontrolle, ohne Wasser, Essen oder Wärme. Ständig sahen sie, dass auf sie geschossen wurde. Ein Herr gesteht ehrlich: „Ich bin ein Russe und schäme mich sehr dafür. Sie haben die Herberge in eine Militärbasis verwandelt. Die Menschen leben dort unter schrecklichen Bedingungen, darunter auch meine Tochter.“ Die Bewohner wurden zu einem menschlichen Schutzschild für die feindliche Armee. Hostomel ist nicht der einzige Ort, in vielen ukrainischen Städten wird so verfahren.

Geschichten wie diese würden bereits ein dickes Buch ergeben, und die Kirche in Fastiv und das Haus des Heiligen Martin füllen sich mit den Tränen der Menschen, mit der Sehnsucht nach geliebten Menschen, die den Kontakt verloren haben, mit der Sehnsucht nach Heimat und Frieden. Ich habe heute mit Pater Misha gesprochen; in diesen Tagen ist es sehr schwer, ihn telefonisch zu erreichen; am Ende habe ich ihn gefragt, über was Gutes ich schreiben kann, da er mir so viel über die Menschen erzählt hat, die bei ihnen Zuflucht finden, Menschen aus Fastiv, Irpin, Bucha, Kiew… Er war von der Frage überrascht, obwohl er nie Pessimist oder finster war. Um uns herum geschieht immer noch viel Gutes. Wenn wir eine Waage wie die von Themis – der griechischen Göttin und Verkörperung von Gerechtigkeit, Recht und ewiger Ordnung – nähmen, würde nach meiner Einschätzung das Gute eindeutig überwiegen. Dank des Engagements zahlreicher guter Menschen aus der Ukraine und Polen fahren jeden Tag Busse mit Flüchtlingen vom Hof unserer Kirche ab. Manchmal sind es sogar mehrere an einem Tag. Dieselben Busse, die hierher kommen, um die Menschen abzuholen, bringen uns Lebensmittel und Medikamente.

Ich möchte meine Dankbarkeit zum Ausdruck bringen und mich mit großem Respekt vor all den Fahrern verneigen, die hinter den Rädern von Bussen, Lastwagen, Minivans und ihren Privatwagen sitzen und zu den Orten fahren, wo die Menschen ihre Hilfe brauchen. Unter ihnen sind auch Priester und Ordensschwestern. Heute wurde unser Priorat in Kiew von den Patres Valentine und Vyacheslav aus Dunaivtsi (Diözese Kamianets-Podilskyi) besucht. Ihr Minivan war voll mit Lebensmitteln, darunter einige Eimer mit handgemachten Pierogies und eine Vielzahl von Gemüse. All diese Dinge wurden sofort an die Schwestern, die Missionarinnen der Nächstenliebe (die von Mutter Teresa von Kalkutta), geliefert, die hier in der Hauptstadt der Ukraine ein Zentrum für Obdachlose und Bedürftige betreiben. Seit vielen Jahren feiern die Dominikanerbrüder für sie zweimal wöchentlich die Messe, meist in englischer Sprache, da die Schwestern aus vielen Nationen kommen.

Wir haben auch eine Lieferung von Sachen erhalten, die uns vor ein paar Tagen aus Warschau von Charytatywni Freta geschickt wurden, sowie ein Geschenk von Pater Peter aus Legionowo. Pater Peter hat viele Jahre in der Ukraine gedient und feiert jetzt monatliche Messen in ukrainischer Sprache in unserem Dominikanerpriorat St. Hyazinth in Warschau. Er hat ein großes Herz für die Ukraine! All diese Dinge kamen zuerst mit dem Zug von Polen nach Zhytomyr und wurden heute von Herrn Leonard mit dem Auto von der Heimatkirche ausgeliefert. Hier sind die wahren Helden von heute! Sie gehen an Orte, die vom Krieg heimgesucht werden, um humanitäre Hilfe zu leisten. Sie gehen, auch wenn sie wissen, dass der Rückweg abgeschnitten sein könnte. Sie gehen, auch wenn sie riskieren, beschossen zu werden. Diese Fahrten dauern oft viele Stunden, ja sogar Tage, denn man muss sich einen Weg durch zerstörte Straßen und Brücken bahnen, in langen Schlangen an mehreren Kontrollpunkten warten und sich um Treibstoff bemühen. Ich lerne diese neue Realität kennen und bin mir immer sicherer, dass während des Krieges nicht nur Soldaten gebraucht werden, sondern all die Menschen hinter den Kulissen. Sie liefern Lebensmittel und Medikamente. Und wenn nötig, evakuieren sie die Menschen an sichere Orte. Leonard erzählte mir, dass er gestern half, eine junge Familie aus Kiew zu evakuieren. Die junge Mutter hatte einen kleinen Säugling auf dem Arm. Im Jahr 2014 mussten sie aus Luhansk fliehen, und heute zwingt die russische Armee sie aus Kiew heraus. Möge dies das letzte Mal sein; mögen sie endlich einen Ort finden, an dem sie leben und ihre Kinder in Frieden großziehen können. Leonards Freund, der Soldat ist, sagte ihm kürzlich: „Weil du meiner Frau geholfen hast, die Stadt sicher zu verlassen, habe ich mehr Frieden und kann mein Land mit einem Gewehr verteidigen.“ Er hat Recht. Es ist gut, dass wir Menschen wie Leonard und Priester wie Valic und Slavic haben.

Der 8. März ist der Tag der Frauen. In der Ukraine ist er ein nationaler Feiertag und ein arbeitsfreier Tag. Schon gestern konnte man Tulpenverkäufer am Eingang des Ladens in der Nähe unseres Priorats in Kiew sehen. Vor mir in der Schlange an der Supermarktkasse sah ich einen Soldaten mit fünf Schachteln Pralinen. Ich weiß, dass sie für die Soldatinnen in seiner Einheit bestimmt sind. Da ich selten Blumen kaufe, weiß ich nicht, wie viel sie vor dem Krieg gekostet haben, aber jetzt sind sie sicher viel teurer. Ohne zu zögern kauften Pater Thomas und ich 12 Tulpen, weil wir den Frauen unter uns zeigen wollten, wie wichtig und notwendig ihre Anwesenheit ist. Die Kiewer Floristin versuchte uns davon zu überzeugen, dass man keine gerade Anzahl von Blumen schenken sollte (das ist für eine Beerdigung), aber wir hatten keine Kraft, ihr zu erklären, dass der von uns gekaufte Strauß für eine größere Anzahl von Frauen bestimmt ist. Sie war verwirrt, verkaufte uns aber schließlich 12 gelbe Tulpen. Geschäft ist Geschäft, und für uns hat diese Zahl gute Assoziationen, zwölf Apostel zum Beispiel.

Andere Heldinnen unseres täglichen Lebens sind in meinen Augen die Frauen „hinter dem Tresen“. Gestern stand ich in einer langen Schlange in der Apotheke, um Medikamente für eine kranke Person zu kaufen. Ich beobachtete mit Erstaunen eine junge Apothekerin, die allein im ganzen Laden arbeitete und jedem Kunden mit großer Geduld erklärte, was sie ihm anbieten konnte und was nicht, und welche Medikamente er durch andere ersetzen konnte. Das tat sie, während sie Telefonanrufe beantwortete. Nach einer Stunde dieser Arbeit würde ich wahrscheinlich verrückt werden. Ein anderes Mal, als ich meinen Einkauf beendete, sagte ich der Dame an der Kasse, sie solle eine der Pralinen nehmen, die ich gerade gekauft hatte, es sei für sie. Sie war sehr überrascht und fragte nach dem Grund, worauf ich mit einem Lächeln antwortete, dass ich ohne sie gar nicht einkaufen könnte. Alle anderen Geschäfte in der Umgebung waren geschlossen. Unter den gegenwärtigen Bedingungen bekommt alles, was früher normale Arbeit war, zumindest für mich eine neue und tiefere Bedeutung.

Gestern ging ich mit Pater Thomas zur U-Bahn-Station. Es war bereits nach 16 Uhr, die Straßen waren relativ ruhig, und die Sirenen heulten nicht. An Menschen mangelte es der U-Bahn jedoch nicht. Einige von ihnen lagen auf dem Bahnsteig auf Matratzen, die lange im Voraus reserviert worden waren, jemand las in einem Buch, und einige junge Leute hielten sich liebevoll aneinander fest. Zwei Familien standen zusammen, und ihre Kinder spielten fröhlich herum. An der Wand wurden Zeichentrickfilme projiziert. Ich bin sicher, dass sich die U-Bahn-Station abends mit Menschen füllt. Ich vermute, dass es gestern Abend auch so war, denn oft und nicht weit entfernt hörten wir Explosionen.

Pater Peter hat heute angekündigt, dass er wie ursprünglich geplant eine Online-Vorlesung über die Heilige Schrift halten will. Sie ist natürlich für alle Studenten des St. Thomas Instituts gedacht, die daran teilnehmen können und wollen. Das ist eine großartige Idee.

In den letzten Tagen habe ich immer wieder eine der Fürbitten an die Muttergottes von der Immerwährenden Hilfe im Kopf: „Schöner als die Zedern des Libanon, Maria, wir bitten dich“. Ist heute nicht auch ihr Feiertag?

Herzliche Grüße und die Bitte um Gebete,

Jarosław Krawiec OP


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