Dominikanische Stimmen aus der Ukraine – Woche 2

Wir verstärken hier die Stimmen unserer Mitbrüder aus dem ukrainischen Kriegsgebiet auf Deutsch. Sie engagieren sich mit allen Kräften in Worten, Taten und Gebeten vor Ort für Menschen, die Hilfe brauchen. Wenn Sie unsere dominikanische Familie in der Ukraine unterstützen wollen, empfehlen wir, dies über ihre Aktionswebseite hilfeukraine.dominikanie.pl umzusetzen. Dort haben die ukrainischen Dominikaner mit ihren polnischen Mitbrüdern Infos und direkte Wege aufgeführt: Was wird dringend gebraucht? Wo helfen die Dominikaner im Kriegsgebiet? Wie kommen die Sachen zu den Menschen? Will ich Gelder spenden oder direkt konkrete Lebensmitteleinheiten? Herzlichen Dank an alle Unterstützenden!

In seinem Videoformat „Briefe aus der Ukraine“trägt unser Noviziat (->Link zum Youtube-Kanal)die Briefe unten übrigens gesprochen vor für alle, bei denen der Weg zum Herzen über die Ohren führt.


Kiew, 6. März 2022, 16:15

Liebe Schwestern, liebe Brüder,

am ersten Sonntag der Fastenzeit begann in der Ukraine das von den römisch-katholischen Bischöfen ausgerufene Jahr des Heiligen Kreuzes. Tatsächlich aber begann es bereits am Donnerstag, 24. Februar, nach 4.00 Uhr morgens, als die ersten russischen Raketen in der Ukraine einschlugen. „Jetzt, wie nie zuvor“ – schreiben unsere Hirten heute – „verstehen wir Christus auf dem Weg des Kreuzes“.
Am Samstag waren die meisten von uns beim Einkaufen und bei der Unterstützung der vom Krieg schwer getroffenen Menschen dabei. Das kostet viel Zeit und Kraft.

Pater Oleksandr brachte zusammen mit Freiwilligen mit einem von der Caritas geliehenen Bus Menschen aus Irpin heraus. Diese Stadt, die etwa ein Dutzend Kilometer nordwestlich von Kiew liegt, wurde von den Russen bombardiert und zerstört. In den letzten Jahren hat sie sich stark entwickelt und zog – wie Kiew – junge Leute und Familien an. Heute ist ein großer Teil der Bevölkerung von Irpin obdachlos. Sobald die Kämpfe in dem Gebiet aufhörten, eilten die Gemeindebehörden und Freiwillige den Menschen zu Hilfe.
Am Abend fuhren wir mit einem der Freiwilligen des Klosters zum Kiewer Bahnhof. Drinnen ist der Bahnhof riesig – gigantische Menschenmassen. In den meisten Zimmern wurde aus Sicherheitsgründen das Licht ausgeschaltet. Es war halbdunkel und laut. Die Gespräche der Menschen mischten sich mit den Lautsprecheransagen über die Ankunft und Abfahrt der Züge. Die Reisenden müssen diesen Durchsagen aufmerksam zuhören, denn sie sind fast die einzige Möglichkeit, etwas zu erfahren. Die Menschen am Bahnhof sind meist Familien und Mütter mit Kindern; sogar mit den ganz Kleinen, die um diese Zeit in ihren Kinderbetten schlafen sollten.

Ich kam an einem Vater vorbei, der seinen kleinen Kindern ruhig, aber bestimmt sagte: Haltet euch einfach an eurer Mutter fest. Sich unter solchen Bedingungen zu verirren, ist etwas Schreckliches. Viele Kinder saßen mit ihren Handys in der Hand. Sie haben gespielt und ein bisschen Freude dabei gehabt. Es ist ein gewisser Trost, eine Möglichkeit, sie von dem abzulenken, was gerade passiert, zumindest für eine Weile.

Nicht weit vom Bahnhof entfernt liegt Ohmatdyt, ein in der ganzen Ukraine bekanntes Kinderkrankenhaus. Es funktioniert immer noch, obwohl es bereits bombardiert wurde. Auch an älteren Menschen mangelte es am Bahnhof nicht, ich sah mehrere Menschen in Rollstühlen. Jemand hatte einen Hund an der Leine. Mein Bruder Mariusz ist Paulistenpater und lebt in Lemberk. Er erzählte mir am Morgen, dass es am Hauptbahnhof im Lemberk viele Hunde gibt. Einige Menschen, die sie nicht mehr mitnehmen konnten, haben sie in der Hoffnung zurückgelassen, dass sie einen neuen Besitzer finden werden.

Als wir ins Kloster zurückkehrten, stellte sich heraus, dass wir wieder aufbrechen mussten. Unsere Köchin, die während des Kriegs im Kloster wohnt, ist die Treppe hinuntergefallen. Wir hatten Angst, dass sie sich den Arm gebrochen hatte. Wir haben sofort einen ärztlichen Bereitschaftsdienst angerufen. Es wurde uns jedoch gesagt, dass in einem Kriegszustand die Krankenwagen nicht zu solchen Fällen fahren. Man gab uns die Adressen der beiden nächstgelegenen Krankenhäuser. Es war bereits nach 20 Uhr und die Ausgangssperre hatte begonnen, was bedeutet, dass man seine Wohnung nicht verlassen darf. Was ist zu tun? Ich zog meinen weißen dominikanischen Habit an und ging zur nächsten Kreuzung, die von der Territorialverteidigung bewacht wurde. Als unsere Jungs mich bemerkten, gingen sie sofort mit ihrem Gewehr in Verteidigungsstellung. Ich hielt meine Hände hoch, um sie wissen zu lassen, dass ich nicht mit schlechten Absichten gekommen bin. Wir unterhielten uns eine Weile und waren uns einig, dass wir das Klosterauto nehmen und ins Krankenhaus fahren sollten, da es schwierig wäre, mit solchen Schmerzen bis zum Morgen zu warten. Sie rieten uns jedoch, uns nicht merklich zu beeilen und an jedem Kontrollpunkt anzuhalten.

Die Straßen waren völlig menschenleer, so dass wir recht schnell in die Notaufnahme eines nahe gelegenen Krankenhauses ankamen. Es stellte sich heraus, dass unsere Köchin sich nicht den Arm gebrochen, sondern ihn ausgekugelt oder verdreht hatte. Die Chirurgen haben sie schnell versorgt, und wir konnten bald ins Kloster zurückkehren. Auf dieselbe Weise, mit denselben Kontrollen und Fragen.
Im Krankenhaus sind die Patienten noch da, nicht nur Kriegspatienten, auch wenn die meisten Lichter am Abend ausgeschaltet bleiben. Das Personal in der Notaufnahme sagte mir, dass die Menschen doch ständig an „normalen“ Krankheiten leiden. Ich dachte, dass dies unter diesen Umständen eines der schlimmsten Dinge ist, die einem Menschen passieren können. Und was machen die Menschen an Orten, die durch Kriege von der Welt abgeschnitten sind? Ich denke lieber nicht darüber nach.

Im Krankenhaus sprach ich eine Weile mit den Polizisten, die es bewachten. In Kiew erregt der dominikanische Habit eher Verwunderung und Neugier, und in Kriegszeiten oft Misstrauen. Aber eine kurze Erklärung genügt, und da es in der orthodoxen Kirche Klöster und Mönche gibt, werden auch wir recht gut behandelt. Am Ende des kurzen Gesprächs baten die Polizisten um einen Segen.

Pater Misha aus Fastiw heute telefonisch zu erreichen, würde an ein Wunder grenzen, bislang habe ich es noch nicht geschafft. Kein Wunder, es ist Sonntag und es ist Krieg… aber es ist auch sein Geburtstag. Trotzdem rechne ich mit einem Wunder. Ich werde im nächsten Brief mehr über Fastiw schreiben.

Gestern Abend kam mit dem Zug Hilfe aus Chmelnyzky. Wir danken unseren Freunden aus der Pfarrei Christkönig, in der unsere Brüder ebenfalls arbeiten, und ihrem Pfarrer Pater Mykola, dass sie mit uns teilten, was sie selbst als Spende erhalten hatten. Fast eine Tonne Lebensmittel. Am Morgen brachte Pater Oleksandr das meiste davon zum Kapuzinerkloster (auf der anderen Seite der Stadt, am linken Ufer des Dnjepr), damit die Lebensmittel so schnell wie möglich zu den Bedürftigen gelangen konnten. Da wir noch etwas übrig hatten, gab es heute zum Frühstück leckere Würstchen aus Nowy Sacz. Die meisten Spenden, die mit diesem Transport ankamen, waren aus Polen. Ich danke den „Herzen“ und „Händen“ in meinem Heimatland, die „Schätze“ gekauft und gespendet haben. Wir behalten die Cabanossi für schlechte Zeiten.

Die Berufungspastoral der polnischen Dominikanerprovinz hat in den letzten Tagen mehrere Videos mit Wünschen für die Ukraine und für uns ins Netz gestellt. Vielen Dank an die Dominikanerinnen von Radoń, Święta Anna und Gródek, die Schwestern der Kongregation der Schwestern des Heiligen Dominikus, die Brüder aus Irland und Deutschland! In Jerusalem haben die Brüder am Heiligen Grab für uns gebetet. Unsere dominikanischen Laienschwestern und -brüder aus vielen dominikanischen Laiengemeinschaften in Polen umgeben uns mit Gebet und stärken uns durch Fasten und Almosengeben.

Ich möchte auch mitteilen, was Zosia geschrieben hat: „Ich gehöre der Familie der schmerzhaften Gottesmutter an, die der Provinzial und das Provinzkonzil 1990 in die Dominikanische Familie aufgenommen haben. In der Gemeinde gibt es chronisch kranke, körperlich behinderte wie auch gesunde Menschen. Seit dem Ausbruch des Krieges in der Ukraine beten wir jeden Tag für euch und für den Frieden… Aber heute umarmen wir besonders die Dominikanerinnen und euch Dominikanerbrüder (dort in der Ukraine), indem wir (zusätzlich zum Gebet) all den Schmerz, die Not und das Leid (einige leiden sehr) … in euren Anliegen mitopfern und mit dem Opfer Christi verbinden“. Wunderbare Solidarität im Leiden mit denjenigen, die körperlich, seelisch und geistig verletzt wurden. Ich danke Ihnen!

Am Nachmittag fliegen hin und her viele Vögel über unserem Kloster in Kiew. Ich weiß nicht, ob dies ein Zeichen für den kommenden Frühling ist? Ich werde später Pater Piotr Oktaba danach fragen, der ein Experte nicht nur für das Neue Testament, sondern auch für die Natur ist. Die Vögel fliegen, machen viel Lärm und werden nervös, wenn Explosionen aus der Ferne kommen. Pater Tomasz Slowinski, der in Lwiw wohnt, schrieb heute auf seinem Facebook-Profil die Worte Jesu: „Habt keine Angst: Ihr seid viel wichtiger als viele Spatzen“.
Mit Grüßen und einer Bitte um Gebet
Jaroslaw Krawiec OP


Kiew, 4. März 2022, 16:30

Liebe Schwestern, liebe Brüder,

war die Nacht in Kiew noch relativ ruhig, so ertönen praktisch schon am Morgen die Sirenen und man hört immer wieder Explosionen. Sie kommen immer näher an uns heran. Obwohl wir uns inzwischen an diese Situation gewöhnt haben, sind solche Geräusche nicht angenehm, zumal wir alle sehen können, was die russischen Truppen in vielen ukrainischen Städten tun. Während wir in dieser anormalen Realität noch einigermaßen normal funktionieren können, sitzen jetzt viele Menschen in Notunterkünften und Kellern, ihnen gehen die Lebensmittel aus, es wird kalt. Ich hörte von Freunden, dass sie Anrufe von Leuten erhielten, die sich verabschieden wollten, um etwas Wichtiges zu sagen, nur für den Fall…

Auch in Fastiw wird die Situation gefährlich. Die Brüder werden gewarnt, dass sich russische Truppen dort auf Kiew zubewegen könnten, da sie auf mehreren anderen Abschnitten erfolgreich gestoppt und zerstört wurden. Hoffen wir, dass es nicht so weit kommt! Glücklicherweise ist es Pater Misha bereits gelungen, mehrere Transporte zu organisieren und fast 200 Menschen zu evakuieren. Und vielleicht sogar noch mehr. Einige von ihnen sind bereits sicher in Polen. Aber es gibt noch viele Menschen in Fastiw, ganz zu schweigen von unseren dominikanischen Brüdern und Schwestern. Wir werden dort gebraucht, vor allem jetzt, und wir können uns nicht vorstellen, dass wir einfach unsere Sachen packen und gehen. Wir haben nicht nur ein Dach über dem Kopf, sondern versuchen auch, in Kiew und Fastiw Lebensmittel zu besorgen und sie mit Bedürftigen zu teilen. Vielen Dank für das Geld, das Sie uns spenden.

Es gibt eine Menge zu kaufen. Eben kam ich mit einem jungen Mann, der sich in unser Kloster geflüchtet hatte, von der Bäckerei zurück. Es ist uns erneut gelungen, 250 Laibe frisches Brot zu kaufen. Mit solchen Waren zu fahren, ist ein wahres Vergnügen. Während des Krieges riecht das Brot, dieses einfache, gewöhnliche Brot ohne jegliche Zusatzstoffe wunderbar! Ein Teil davon wird bei uns bleiben, das meiste wird über Freiwillige an bedürftige Menschen in Kiew verschenkt. Auch im Haus St. Martin de Porres in Fastiw werden täglich mehrere hundert Brote gebacken. Der Bedarf ist groß. Vielen Menschen in den Dörfern in der Nähe von Fastiw gehen allmählich die Lebensmittel aus. Das psychiatrische Krankenhaus in Gliwasze befindet sich in einer schwierigen Lage. Es ist eine Stadt in Richtung Kiew. Sie haben dort fast 300 Patienten. Leider ist es jetzt nicht einfach, dorthin zu gelangen, aber die Jungs von Fastiw werden Möglichkeiten finden, um sicherzustellen, dass die Patienten und Beschäftigten nicht ohne Essen bleiben. Zumal mehrere Transporte mit Lebensmitteln in Fastiw eingetroffen sind, so dass es etwas zu teilen gibt. Misha sagte, er habe nach einer Möglichkeit gesucht, eine Mutter mit ihren Kindern aus einem anderen Dorf zu holen. Infolge der Bombardierung ist sie nicht in der Lage, den Stress zu bewältigen, sie ist machtlos, sie weiß nicht, wohin sie gehen oder was sie tun soll. Es ist wichtig, dass wir sie erreichen.
Unsere Nikita und ihre Eltern haben es heute Morgen geschafft, Charkiw zu verlassen. Ich weiß nicht, wo sie schließlich ankamen, denn sie hatten nur wenig Sprit im Auto. Ich hoffe, dass sie eine geöffnete Tankstelle gefunden haben. Das Wichtigste ist, dass sie Charkiw verlassen haben, das rücksichtslos zerstört wurde. Sie werden es sicher weiter schaffen.

Unser Haus in Chmelnyzkyj wurde zu einem Zufluchtsort für eine Gruppe von Menschen, die mit den Dominikanern in Verbindung standen. Es ist gut, dass wir dort einen Ort haben, um sie zu empfangen, und die Brüder Jakub und Wlodzimierz werden sie sicher sehr herzlich aufnehmen.

Gestern haben Pater Tomasz Samulnik und ein Diözesanpriester, der sich in unserem Kiewer Kloster aufhält, ihren Geburtstag gefeiert. Wir haben es geschafft, uns am Abend zusammenzusetzen und ein bisschen zu feiern. Tomasz scherzte, dass er seinen 41. Geburtstag außergewöhnlich ausgelassen und laut feierte. Zum Glück war dieser Abend ruhig – ohne lauten Sirenenalarm.

Der heutige Brief wird etwas kürzer ausfallen, da ich mich ins Auto setzen muss, um einige Dinge zum Freiwilligenzentrum zu bringen. Ihr Lieben, da die Situation bei uns etwas schwieriger zu werden scheint, habe ich beschlossen, euch etwas seltener zu schreiben; alle zwei oder drei Tage. Wir haben eine Menge Dinge, und es ist schwer, mit allem Schritt zu halten. Seien Sie versichert, dass mein Schweigen nicht gleich bedeutet, dass etwas Schlimmes passiert ist. Wir müssen einfach unsere Zeit und unsere Kraft weise einsetzen, um dort zu dienen, wo wir gebraucht werden.

Heute ist der Freitag nach dem Aschermittwoch. Viele von uns haben an einer Kreuzwegandacht teilgenommen oder werden daran teilnehmen. Bitte beten Sie für diejenigen, die jetzt in der Ukraine das Kreuz berühren – sehr real; für diejenigen, die – wie Maria am Kreuz – um ihre Kinder, Eltern, Geschwister oder Freunde trauern. Sehr oft können wir wenig für sie tun, wir erleben Leere und Hilflosigkeit, aber wir können immer im Gebet mit ihnen direkt am Kreuz stehen und auf den blicken, der sein Leben für uns hingegeben hat. In der Ukraine beginnt am kommenden Sonntag das Jahr des Heiligen Kreuzes. Als die römisch-katholischen Bischöfe beschlossen, dass wir in dieser Zeit das Geheimnis des Kreuzes betrachten sollten, ahnte niemand, dass dies eine Zeit des Krieges sein würde. Das war eine prophetische Entscheidung.

„Das Kreuz Christi sei gepriesen. Für immer und ewig sei gegrüßt. Von dir kommen Kraft und Tapferkeit. In dir ist unser Sieg.“

Mit Grüßen und einer Bitte um Gebet
Jaroslaw Krawiec OP


Kiew, 3. März 2022, 16:00

Liebe Schwestern, liebe Brüder,

…“Ihr könnt euch gar nicht vorstellen, wie Ihr in den Herzen eines jeden von uns lebt, und in meinem ganz besonders“ – sagte uns fr. Mykyta Janusz, dominikanischer Novize aus der Ukraine, in einem Videogruß an uns aus dem polnischen Noviziat, wo er gerade lebt, in seiner Muttersprache.

Wir danken Ihnen, unseren Brüdern und Schwestern, nicht nur aus Polen, sondern auch aus Rom, Bologna, Australien, den USA und Taiwan, für Ihre wichtigen Worte der Ermutigung. Pater Misha Romaniw hat mich gebeten, Ihnen das zu schreiben und Ihnen mitzuteilen, dass er gestern Abend sehr beunruhigt über die Situation war. Um Dörfer in der Nähe von Fastiw fanden Kämpfe statt, unter anderem in Makariw und Borodjanka. Oft kamen Misha und ich dort vorbei, wenn wir mit Freiwilligen aus Fastiw nach Warschau mit dem Auto unterwegs waren. Wir hielten fast immer in Borodjanka an, um unseren Morgenkaffee zu trinken und einen Hotdog an der OKKO-Tankstelle zu essen. Die Stadt wurde bombardiert – es bricht einem das Herz, wenn man Bilder von Orten sieht, die man kennt. Aber gerade in diesem schwierigen geistigen Moment wurden die Worte der Mitbrüder zur Medizin für die Seele. „Das hat mir Mut gemacht und die Traurigkeit und Entmutigung überwunden“ – sagte Misha. Die Menschen aus Makariw retteten ihr Leben, indem sie u. a. nach Fastiw flohen.

Pater Wojciech Giertych, der Theologe des Päpstlichen Hauses, der im Vatikan lebt und vor allem unser großer Freund ist, da er die Entwicklung der Mission des Ordens in der Ukraine seit über 30 Jahren stark unterstützt, sagte: „Es ist notwendig, nicht an die Gegenwart zu denken, sondern an die Zukunft. Wir bereiten unsere Plätze vor, indem wir Menschen für die innere Freiheit formen. Nicht nur Freiheit ‚von‘, sondern Freiheit ‚zu‘, wie Pater Pinckaers OP lehrte“. Er hat Recht! Pater Wojciech hat uns das übrigens bereits während unseres Theologiestudiums in Krakau immer wieder in seinen Vorlesungen wiederholt.
Man darf nicht beim „Heute“ stehen bleiben, sondern man muss in die Zukunft blicken. Vor dieser Aufgabe stehen jetzt auch diejenigen von Ihnen in Polen, die Kriegsflüchtlinge aus der Ukraine aufgenommen haben. Denken Sie jetzt gemeinsam mit ihnen an die Zukunft! Warten Sie nicht auf das Ende des Krieges.

Wir danken unseren Schwestern und Brüdern aus vielen Ländern der Welt für ihre Worte, Gebete und Hilfe. Wir können mit unseren Antworten nicht immer Schritt halten, aber seien Sie versichert, dass Sie in unseren Herzen sind. Sie werden von uns und der Ukraine gebraucht.

In der vergangenen Nacht kam es in Kiew zu mehreren Explosionen aufgrund von Raketenbeschuss auf die Stadt. Eine Rakete schlug in der Nähe des Bahnhofs ein, eine andere ging Berichten zufolge nicht weit von unserem Kloster entfernt nieder. Der Bürgermeister von Kiew erklärte heute in seinem Bericht an die Einwohner, dass niemand getötet worden sei. Es ist ein Wunder! Lediglich die Heizungsanlage wurde beschädigt und wird nun von den Stadtwerken wieder instand gesetzt. Das ist sehr wichtig, denn hier ist es immer noch ziemlich kalt, und heute Morgen hat es in Kiew wieder geschneit, und die Temperatur lag mittags bei nur +1 Grad Celsius. Leider wird es in den kommenden Tagen nicht wärmer werden. Hier im Kloster funktioniert im Moment noch alles.

Gestern Nachmittag war ich im Krankenhaus, um meinen seelsorgerischen Dienst anzubieten. Das erste der Krankenhäuser in unserem Gebiet wurde geschlossen. Sie haben es irgendwo evakuiert. Das andere, ein großes Regionalkrankenhaus, ist in Betrieb, und dort werden auch die Kriegsverletzten aufgenommen. Ich kenne diesen Ort, weil ich dort vor einem Jahr Erste Hilfe bekommen habe, als ich mir das Bein gebrochen hatte. Als ich mich in meinem weißen Habit dem Empfangsraum näherte, wurde ich von Polizisten entdeckt. Sie kamen mir sofort mit Gewehren entgegen. Ich zeigte ihnen meine Dokumente und meinen Rucksack mit meiner „priesterlichen Ausrüstung“. Die Männer erkundigten sich eingehend nach dem Grund meiner Ankunft. Schließlich hinterließ ich meine Telefonnummer und die Information, dass ich ein katholischer Priester sei und jederzeit zum Dienst kommen könne. Bislang gibt es kein Signal aus dem Krankenhaus. Ich habe den Eindruck, dass in der Ukraine, vor allem in Kiew, die Anwesenheit eines Priesters bei den Kranken nicht sehr beliebt ist, obwohl es in einigen Krankenhäusern Kapellen gibt, natürlich orthodoxe. Die Verteidiger der Stadt erfüllen ihre Aufgaben mit großer Sorgfalt. Sie achten auf die Sicherheit der ihnen anvertrauten Menschen und Einrichtungen.

Am Morgen erhielt ich eine Nachricht von Nikita, einem Kandidaten für unseren Orden, der in Charkiw lebt: „Wir saßen die ganze Nacht, 12 Stunden lang, in der U-Bahn-Station. Die Vorhänge [riesige Metalltore zum Schutz des Bahnhofs, wahrscheinlich ein Überbleibsel aus dem Kalten Krieg – Anm. des Übersetzers] waren verdeckt. Wir kamen erst um 6 Uhr morgens nach Hause. Wir haben uns ein wenig ausgeruht. Meine Eltern haben diese Nacht nur mit Mühe überlebt. Ich bedaure ein wenig, dass ich sie in den Untergrund geführt habe“. Aber vielleicht gibt es nichts zu bedauern, denn die Raketen trafen unter anderem einen benachbarten Wohnblock. Der Ort, an dem er mit seinen Eltern lebt, ist eine typische Wohnsiedlung. Es gibt keine strategische Einrichtung in der Nähe. Es gibt bereits viele solcher Kriegsverbrechen.

Jeder Tag bringt neue Zerstörungen, aber auch eine wachsende Müdigkeit in der Bevölkerung. Schon am Morgen fühlte sich eine der alten Damen, die mit uns im Kloster lebt, krank. Wir hatten Angst, dass es ein Schlaganfall war. Zum Glück haben wir einen Arzt unter uns, so dass wir unserer älteren Dame helfen konnten. In solchen Fällen gibt es keine Chance mehr, dass ein Krankenwagen kommt. Am Telefon wurde uns geraten, dass wir eventuell in die nächstgelegene Klinik gehen könnten, aber wir behaupteten, dass man uns dort nicht helfen könnte. Es ist gut, dass wir einen „Schutzengel“ bei uns haben – eine junge Ärztin, die weiß, was zu tun ist.

Leider haben es nicht alle älteren Menschen in den vom Krieg zerstörten Städten und Dörfern so gut. Für ältere Menschen, Kranke und Menschen mit eingeschränkter Mobilität ist die Situation sehr schwierig. Der Gang in einen Unterschlupf oder Keller ist für sie oft ein unüberwindbares Hindernis, ebenso wie der Gang zum Einkaufen, ganz zu schweigen von ihrem psychischen oder gesundheitlichen Zustand. Deshalb ist es gut, dass die Freiwilligenarbeit stark ausgebaut wird. In Kiew haben sich viele Menschen daran beteiligt, und diese Hilfe beginnt immer effizienter zu funktionieren. Auch unsere Patres und Laien, die im Kloster Zuflucht gefunden haben, haben sich an diesem Dienst beteiligt. Gestern haben Pater Oleksandr und sein Team 200 Brote in der Bäckerei gekauft, die heute von Freiwilligen der Stadt an Bedürftige verteilt wurden.
Meinen heutigen Bericht schließe ich mit den Worten des Psalms 44 aus der heutigen Lesehore ab. Dies ist die heutige Botschaft von Olga, einer Studentin an unserem Institut St. Thomas von Aquin in Kiew und einer Terziarin. Sie lebt in einem Außenbezirk von Kiew. Leider ist es für sie unter derzeitigen Bedingungen zu weit, um in unserer Kapelle an der Messe teilzunehmen. Früher kam sie fast jeden Tag.

„Denn ich vertraue nicht auf meinen Bogen, noch wird mein Schwert mir Rettung bringen; nein, du hast uns vor unseren Bedrängern gerettet; du hast mit Schmach bedeckt, die uns hassen. Wir rühmten uns Gottes den ganzen Tag und deinem Namen werden wir ewig danken“ (Ps 44, 7-9).

Die Reaktion der Welt darauf, was gerade geschieht, zeigt, wie beschämt wurden „die uns hassen“. Aber noch deutlicher sieht man das an den Kriegswaisen und denjenigen, die ihr Leben verloren haben. Mögen sie in ewigem Frieden ruhen.

Mit herzlichen Grüßen und einer Bitte um Gebet!

Jaroslaw Krawiec OP


Kiew, 2. März 2022, 13:30 Uhr

Liebe Schwestern, liebe Brüder,

…Der siebte Tag dient nicht der Schöpfung, sondern der Zerstörung, die immer brutaler, rücksichtsloser und schrecklicher wird. Gleichzeitig bin ich zutiefst davon überzeugt, dass Gott, wenn er auf die guten, sich aufopfernden, sich selbst verschenkenden Menschen schaut, auf die Unermesslichkeit der Liebe, sieht, dass das, was er getan hat, sehr gut war (vgl. Gen 1,31).

Heute ist Aschermittwoch und die Fastenzeit beginnt. Pater Piotr, unser Neutestamentler, hat gestern ein kleines Feuer auf der Terrasse angezündet, so dass wir frische Asche haben.

Gestern gegen Abend wurden wir durch den Raketenbeschuss des nahegelegenen Fernsehturms erschreckt. Ich habe es bereits erwähnt. Das ist unser Viertel. Ich habe das Bild mit den toten Fußgängern gesehen… Ich glaube, ich stand am Donnerstag sogar genau an dieser Stelle in einer Warteschlange zum Tanken. Dies ist der Außenbezirk von Babyn Jar, dem Ort eines schrecklichen Massakers an Kiewer Einwohnern, hauptsächlich Juden, die 1941 von den Nazis ermordet wurden. Der ukrainische Präsident sagte, die Geschichte beginne sich zu wiederholen…

Unsere Kiewer Bewohner des Klosters beteiligen sich an der Freiwilligenarbeit der Stadt. Pater Tomasz brachte mehrere Personen hin und später holte sie aus entfernten Stadtteilen ab. Das erfordert Mut: unzählige Kontrollen, Dokumente vorzeigen, den Kofferraum öffnen. Als er gestern mit einer der Frauen auf dem Rückweg war, fuhren sie nahebei Babyn Jar, wo kurz zuvor noch Raketen geflogen waren…

Am Morgen rief Pater Misha Romaniv aus Fastiw an. Er war glücklich, dass der Bus, der gestern mit mehr als fünfzig Menschen abgefahren war, in Polen angekommen ist. „Sie sitzen auf der polnischen Seite und trinken Kaffee“ sagte er. Möge es so viele solcher Botschaften wie möglich geben. Schwester Anastasia ist gestern wohlbehalten in Fastiw angekommen. Im Kofferraum transportierte sie einen Brotbackofen vom linken Ufer Kiews. Niemand wollte mitfahren. Ihre Fahrt dauerte 1,5 Stunden. Das ist ein Rekord, vor allem unter diesen Bedingungen… Auch die Blitzer auf der Odessa-Strecke waren ihr offensichtlich egal… Heute Morgen fuhr sie zurück und brachte frisches Brot nach Kiew.

Ein weiterer Backofen wurde unserer Kommunität in Fastiw von Luccio, einem italienischen Bekannten, gespendet. Seine Pizzeria in Winnyzia ist jetzt nicht mehr geöffnet, und so sagte er ohne zu zögern, dass er uns die Geräte bringt. Andere Freunde aus Winnyzia stellten zwei Tonnen Mehl zur Verfügung. Damit können wir jeden Tag 300 Brote backen im Rahmen der territorialen Verteidigung der Stadt…

Ich habe in früheren Briefen über Bischof Vitaly aus Kiew berichtet, der in der Stadt geblieben ist. Der zweite Bischof von Kiew, Alexander, ging nach Schytomyr, um im westlichen Teil der Diözese zu sein, wo es viele Katholiken gibt. Eine weise Entscheidung. Heute haben wir miteinander telefoniert. Schytomyr wurde bombardiert und viele Menschen suchten Zuflucht in den Kellern von Kirchen. Bischof Alexander postete ergreifende Fotos auf Facebook: Menschen beten den Rosenkranz in alten Kirchenkellern… Wie zu den Zeiten der Katakomben. Es gelang uns auch, mit Bischof Paul aus Charkiw zu sprechen. Dort ist es sehr schwierig und gefährlich. Gestern sahen wir in den Nachrichten, wie u.a. der zentrale Platz der Stadt bombardiert wurde. Nicht weit davon entfernt befinden sich die Kathedrale und das Ordinariatsgebäude. Glücklicherweise beschädigte die Welle nach der Explosion nur einige Fenster und Buntglasfenster. Ein Teil des Daches des Ordinariatsgebäudes, in dem der Bischof wohnt, wurde ebenfalls zerstört… Gestern schlug eine Rakete in das Schulgebäude ein, das nur wenige hundert Meter vom Kloster entfernt ist. Der Bischof rief an, um zu sagen, dass er unser Kloster zugeschlossen hat und fragte, wem die weiße Katze gehöre. Er hat sie nach draußen gelassen. Wir hoffen, dass diese Katze irgendwie zurechtkommt, denn wir wissen nicht, wann wir wieder zu Hause sind.

In einer Kriegssituation ist es dumm, jemanden zu fragen: Gehst du oder bleibst du? Aber Bischof Paul selbst sagte irgendwann während des Gesprächs, dass er nirgendwo hingehen würde. Er wird bei seinen Diözesanmitgliedern sein. Er glaubt fest an den Sieg der Wahrheit und der Unbefleckten Maria! Er ist ein kampferprobter Mann. Papst Franziskus ernannte ihn zum Bischof, der zuvor an die Front im Donbass gereist war und als Militärseelsorger tätig war. Alle drei sind gute, mutige Hirten!

Ihr Lieben, heute möchte ich meinen Brief mit den Worten des heiligen Paulus schließen: „Wo jedoch die Sünde mächtig wurde, da ist die Gnade übergroß geworden, damit, wie die Sünde durch den Tod herrschte, so auch die Gnade herrsche durch Gerechtigkeit zum ewigen Leben, durch Jesus Christus, unseren Herrn.“ (Röm 5, 20-21). Ich schicke den Brief heute früher ab, weil ich in Kürze in ein nahe gelegenes Krankenhaus gehen möchte. Vielleicht wird dort ein Priester gebraucht. Wir werden sehen, ob sie mich reinlassen.  

Mit aufrichtigen Grüßen, beten Sie für uns und für die Ukraine.

Jarosław Krawiec OP


Kiew, 1. März 2022, 18:00 Uhr

Liebe Schwestern, liebe Brüder,

der 1. März ist der erste Tag des Frühlings in der Ukraine. Wie ich auf einem der lokalen Internetportale gelesen habe, „ist dies der Tag, auf den die Menschen immer sehnsüchtig warten“. Der erste ukrainische Frühlingstag begann in Kiew mit einem Schneesturm. Am Morgen waren die Straßen weiß. Aber die meisten von uns hielten nicht so sehr Ausschau nach Schneeglöckchen oder anderen Zeichen einer zum Leben erwachenden Natur, sondern vor allem nach beunruhigenden Signalen des Krieges: mehr Schüsse, Sirenen und Nachrichten darüber, was auf den Straßen passiert und wie die Welt auf diese Ereignisse reagiert.

Gestern Abend rief Pater Misha Romaniv aus Fastiw an, und ich machte mir große Sorgen um sie, denn ab 20 Uhr begannen die Kämpfe in der Stadt. Die ukrainische Armee hat ein russisches Flugzeug abgeschossen, das in der Nähe runterkam. In der Ferne waren brennende Militärkolonnen zu sehen. Es wurde heiß und fast sofort kamen fast 80 Menschen aus der Nachbarschaft, um bei uns zu übernachten. Einige mit ihren Hunden, Katzen und anderen Haustieren. An Tieren mangelte es im Haus St. Martin de Porres nie, von Pferden und Eseln bis hin zu Papageien und anderen bunten Vögeln. Pater Pawel hat einen Hund im Kloster, und Pater Jan mag Katzen besonders gern. Die Brüder verstehen also sehr gut, dass die Menschen ihre Tiere nicht allein lassen wollen…

Freiwillige Helfer aus Polen brachten mit einem Kleinbus einige Lebensmittel und notwendige Dinge, darunter mehrere Säcke Hundefutter. Mischa war darüber sehr glücklich. Jemand kam mit einem eleganten Auto vorbei, holte einen riesigen Stör mit einem Gewicht von über 10 kg heraus, der ein Vermögen gekostet haben muss, und brachte ihn zum Haus St. Martin. Er wollte eigentlich weiter weg zu seiner Familie fahren, entschied aber, dass das Essen hier nützlicher wäre.

Jetzt werden die Eingänge zu Fastiw von Soldaten bewacht. Alle haben Angst vor einer weiteren Eskalation und Straßenkämpfen. Dies gilt umso mehr, als in der Stadt Tschetschenen aufgetaucht sein sollen. Glücklicherweise erreichte Bruder Igor Selischew, den ich gestern erwähnte, Fastiw sicher mit dem Zug… Igor kommt aus Donezk. Er hat gerade seine Formation und sein Studium in Krakau abgeschlossen. Jetzt hat er sich uns, den Brüdern des Vikariats der Ukraine, angeschlossen.

Gestern schrieb uns Pater Gerard Timoner III, unser Ordensmeister, einen Brief. Er versuchte vergeblich, mich und Pater Petro Balog anzurufen, irgendetwas funktionierte nicht. Brüder und Schwestern aus der ganzen Welt sind jetzt solidarisch mit der Ukraine. Dies ist für alle sehr wichtig…

Es ist gut, dass die Pandemie uns gelehrt hat, online zu handeln. Am Mittag fand auf ZOOM ein Treffen von Priestern der Diözese Kiew-Schytomyr mit unserem Bischof Vitaly statt. Er befindet sich vor Ort in Kiew. Die meisten von ihnen sind nicht aus dem Häuschen. Auch die Oblatenpatres aus Tschernihiw nicht, die schon fast von der Welt abgeschnitten sind. Sie sitzen zunehmend mit ihren Gemeindemitgliedern im Keller ihrer Kirche.

Heute möchte ich ein Wort über außergewöhnliche Ordensschwestern schreiben. Vor einiger Zeit erzählte mir Pater Misha, dass er eine Möglichkeit suche, einen Brotbackofen vom linken Ufer Kiews abzuholen (wo es gefährlicher ist und man die Brücke über den Dnepr überqueren muss). Er hatte schon fast die Hoffnung aufgegeben, als Schwester Anastasia aus der Slowakei, die im Caritas-Hilfszentrum arbeitet, sagte, sie würde in einen Bus steigen und den Ofen mitbringen. Ich hoffe, er kommt sicher in Fastiw an. Ich hätte sicherlich nicht den Mut dazu gehabt.

Mehrere Tage lang versorgten Schwestern der Kongregation der Dominikanerinnen in Schowkwa in der Westukraine Kriegsflüchtlinge am polnisch-ukrainischen Grenzübergang in Rawa Ruska. Von Beginn der Evakuierung an bildeten sich Warteschlangen von bis zu 25 km. Unendlich viele menschliche Dramen, Tränen, Ungewissheit, getrennte Familien… Mutige Frauen in weißen Gewändern waren bei diesen Menschen. Schwester Matthäus erzählte mir, dass es bis heute viele verlassene Autos, Koffer und persönliche Gegenstände auf dem Weg zur Grenze gibt. In Chortkiv teilen die Dominikanerinnen ihren Keller, in dem es ein Klassenzimmer gibt, mit ihren Nachbarn. In der Stadt gibt es häufig Flugabwehralarm, obwohl es bislang keinen Beschuss gegeben hat.

Gestern Abend schrieb ich meinem Provinzial: „Und noch eine Sache … Das hat mich sogar persönlich bewegt. Es lohnt sich, für Nikita, unseren Postulanten, zu beten, der in Charkow ist, und für Kyrill, der jetzt in unserem Konvent ist und aus einer Familie von Gemeindemitgliedern stammt“. Er denkt über Eintritt in den Orden nach, obwohl er wahrscheinlich noch ein wenig warten muss. Heute hat er mir gesagt, dass er vielleicht als unser Tertiär warten würde. Es ist ein seltsames Zeichen: Die beiden jüngsten dominikanischen „Kinder“ befinden sich in einer zerbombten Stadt im Osten der Ukraine. Ein Zeichen, ein Zeugnis… In der Nacht wurde Charkiw schwer bombardiert. Der Beschuss geht sogar unaufhörlich weiter. Heute Nachmittag habe ich wieder mit Kyrill gesprochen – eine Rakete ist in der Nähe des Klosters eingeschlagen. Er hält tapfer durch, und in seiner Stimme höre ich weder Angst noch Zweifel. Ungewöhnlich. Lasst uns für sie beten.

Soeben ertönten neben uns mehrere starke Explosionen. Es war das erste Mal, dass sie so laut waren. Kurz darauf tauchten im Internet Bilder auf, dass es sich um einen Raketenangriff auf einen 1,5 km von unserem Kloster entfernten Fernsehturm handelte. Sie haben nicht getroffen.

Wir alle erhalten viele E-Mails und Anrufe mit Hilfsangeboten. Mir geht das Herz auf, und ich bin wirklich gerührt von Ihrer Bereitschaft, Unterstützung zu leisten. Wir sind jedoch nicht in der Lage, vor allem nicht von Kiew oder Fastiw aus, Sachleistungen zu koordinieren oder bei der Aufnahme von Flüchtlingen in Polen zu vermitteln oder Dinge zu transportieren. Bitte handeln Sie vor Ort, dort wo Sie leben! Wenden Sie sich auch an unsere Dominikanerklöster in Polen – ich weiß, dass meine Brüder und Schwestern sich der Herausforderung gestellt haben… Sie wird wissen, was zu tun ist, damit die Gaben bei uns ankommen… Wir, „an der Front“, können diesen Ozean guter Initiativen aus aller Welt nicht bewältigen, und wir wollen und müssen unsere Anstrengungen auf den Dienst an denen konzentrieren, die jetzt bei uns sind.

Ich begrüße Sie sehr herzlich,

Jaroslaw Krawiec OP, Kiew


Kiew, 28. Februar 2022, 17:00 Uhr

Liebe Schwestern, liebe Brüder,

Ein wenig aus Müdigkeit und ein wenig in der Hoffnung, die Nacht ohne das Schnarchen meiner „Leidensgenossen“ durchzuschlafen, beschloss ich, in meiner Zelle und in meinem Bett zu schlafen. Das war eine gute Wahl. Ich schlief trotzdem spät ein und wurde um 5:30 Uhr von Schüssen geweckt, die einige Minuten dauerten. Sie waren ziemlich laut, also war wahrscheinlich etwas in der Nähe unseres Klosters los. Es gelang mir jedoch, weiter einzuschlafen, und ich verschlief sogar das morgendliche Gebet mit den Brüdern. Schlaf ist heute für viele, wenn nicht sogar für alle Menschen in der Ukraine ein „knappes Gut“. Kaum jemand kann in der Nacht durchschlafen. Die Brüder, die mich kennen, wissen, dass ich tagsüber gerne ein Nickerchen mache und nachts normal schlafe. Jetzt ist es sogar nachts schwierig, angemessenen Schlaf zu finden. Einer der Brüder, der sich sehr für die Menschen einsetzt, sagte, dass er sich zum Essen zwingen muss. Bis jetzt sehe ich es mit der Hoffnung, ein paar Kilo zu verlieren. Putin hat uns allen, die wir hier leben, eine „Wunderdiät“ für den Krieg verordnet.

Ab 8.00 Uhr morgens war es nach einer 38-stündigen Ausgangssperre endlich möglich, auf die Straßen von Kiew zu gehen. Also machten wir uns auf die Suche nach offenen Geschäften, um unsere Lebensmittelvorräte aufzufüllen. Der schöne sonnige Morgen und das Leben auf den Straßen waren ermutigend! In einem Markt neben einer nahegelegenen U-Bahn-Station befanden sich Menschenmassen im Inneren. Überraschenderweise gelang es mir, ein paar Laibe frisches Brot zu bekommen. Das ist nicht einfach. Man musste fast eine Stunde lang in einer Schlange stehen. Sogar ein Obdachloser, den ich (natürlich mit Erlaubnis der anderen) passieren ließ, weil er sehr verwirrt von der Situation war, sagte, es sei wie in der „sowjetischen Sojus“… Natürlich gibt es Soldaten mit Gewehren oder Freiwillige, die Kiew bewachen – nicht, um Angst zu machen, sondern um einzukaufen. Auch die Geschäfte werden von der Armee bewacht, da sie potenzielle Sabotageorte sind.

Zusammen mit ein paar Leuten, die mit uns geflüchtet waren, stiegen wir ins Auto und fuhren ins Stadtzentrum. Ich fuhr zur Kathedrale, um endlich die Medikamente abzuholen, die die bischöfliche Kurie an die Priester verteilt hat… Heute war bei der Morgenmesse in der Kiewer Alexander-Kathedrale niemand anwesend. Gestern war es genauso, weil die Menschen ihre Häuser nicht verlassen durften. Als ich mittags in die Kathedrale ging, waren dort nur Obdachlose – man sieht, dass es viele von ihnen auf den Straßen der Hauptstadt gibt. Im Gegensatz zu uns können sie offenbar nirgendwo hin. Als ich an der Sophienkathedrale und dem schwer bewachten Hauptquartier des ukrainischen Sicherheitsdienstes vorbeifuhr, fragte ich mich, ob ein Auto mit polnischen Kennzeichen Verdacht erregen würde. Ich trug eine weiße Kutte, hatte bereits alle Unterlagen vorbereitet und Formulierungen in meinem Kopf parat, wer ich war und was ich hier tat. Aber am Kontrollpunkt wollten die schwer bewaffneten ukrainischen Soldaten nicht einmal, dass ich anhalte, im Gegensatz zu den Autos vor mir. Offenbar werden wir als Polen nicht als Bedrohung angesehen.

Gestern, kurz nachdem ich meinen Brief an Sie abgeschickt hatte, traf ich Ira und Nina, die in unserem Kloster Zuflucht gefunden hatten. Die Mädchen waren gerade von der U-Bahn-Station zurückgekehrt. Stellen Sie sich vor, sie gingen mit zwei vollen und schweren Taschen voller Bücher dorthin!!! Sie hatten beschlossen, dass die Menschen, die stundenlang im Keller der U-Bahnstation „Lukianivska“ ausharren, nicht nur Brot, sondern auch ein gutes Wort brauchen. Die beiden Mädchen berichteten auch, dass im Bahnhof Waggons mit offenen Türen aufgestellt waren, so dass die Menschen nicht nur auf dem Bahnsteig, sondern auch in den Zügen sitzen und liegen konnten. Ira und Nina engagieren sich seit Jahren für das von den Dominikanern in Kiew geführte St. Thomas-Institut. Es ist klar, dass ihre dominikanische Ausbildung und ihre Liebe zum Wort nicht umsonst waren, denn sie riskieren es, die Sicherheit des Klosters zu verlassen, um Bücher zu den Menschen zu bringen.

Pater Jakub Nesterowicz feierte gestern die Abendmesse in der Christ-König-Gemeinde in Chmelnizkij, wo sich unser Haus befindet. Kurz vor dem Ende ertönten Sirenen und die Menschen erhoben sich von ihren Sitzen. Der Pfarrer beendete schnell die Verlesung der Gemeindeankündigungen, Jakob erteilte den Segen und alle gingen schnell in den Keller. Natürlich, die Worte der Verteilung: „Geht im FRIEDEN Christi“, klingt in solchen Momenten auf einzigartige Weise.

Heute habe ich mit Nikita, einem Ordenskandidaten aus Charkiw, gesprochen. Wir wissen, dass Charkiw vom Feind heftig angegriffen wird. Nikita ist bei seinen Eltern geblieben, die die Stadt vorerst nicht verlassen wollen.. Auf dem Weg in die Ukraine ist derzeit Bruder Igor Selishchev, der aus der Ukraine stammt und Diakon ist. Er hat gerade seine Ausbildung in Krakau beendet, und als er sah, was dort passiert, bat er den Provinzial, ihm zu erlauben, in sein Heimatland zu gehen und dort den Bedürftigen zu dienen… Ich hoffe, er wird sein Ziel sicher erreichen.

In Fastow hat jeder Angst vor Kämpfen in der Umgebung. Es besteht die Gefahr, dass russische Panzer aus Byszewo kommen könnten. Im Haus St. Martin de Porres werden fleißig Knödel gemacht, Brot gebacken und Essen für die Bedürftigen und die Verteidiger der Stadt vorbereitet.

Gestern Abend teilte ich auf meinem Facebook-Profil die Nachricht, dass eines der größten und leistungsstärksten Flugzeuge der Welt, die AN-225 „Mriya“, bei einem Überfall russischer Truppen auf den Flugplatz des Antonow-Werks in Hostomel bei Kiew verbrannt ist. Sein Name bedeutet „Traum“… In der Tat war „Mriya“ ein Traum, nicht nur von Luftfahrtenthusiasten. Sie erinnern sich vielleicht daran, dass es diese „Mrija“ war, die zu Beginn der Pandemie Masken und andere medizinische Ausrüstung nach Polen lieferte. Ich selbst hatte sie einmal bei einer Flugschau in Berlin aus der Nähe gesehen. Und nun wird klar, dass sogar die große „Mriya“, „Traum“ und Stolz der ukrainischen Luftfahrt, zerstört werden kann. Die traurige Wahrheit über unser Leben! Dieser Krieg hat bereits viele Mriyas, d.h. viele Träume von Hunderttausenden von Ukrainern begraben. Aber ich glaube, und so betrachte ich meinen Orden und das, was wir als Dominikaner in der Ukraine tun, dass die neue Realität noch größere und schönere Mriyas bringen wird. Ihr Lieben, denkt daran: Wenn jemand es wagt, eure „Mriyas“, eure Träume, dreist zu zerstören, bedeutet das nicht, dass das Ende gekommen ist. Das ist es, was uns die Ukrainer heute lehren, wenn sie von ihrer freien, friedlichen und blühenden Heimat träumen. Sie kämpfen für diese Träume und sind bereit, viel zu geben. Ich sehe es in den Augen unserer Jungs und Mädchen, die Kiew verteidigen.

Ich grüße Sie herzlich und bitte Sie um Ihr Gebet!

Jaroslaw Krawiec OP


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