Dominikanische Stimmen aus der Ukraine – Juni 2022

Wir verstärken hier die Stimmen unserer Mitbrüder aus dem ukrainischen Kriegsgebiet auf Deutsch. Sie engagieren sich mit allen Kräften vor Ort für Menschen, die Hilfe brauchen. Wenn Sie unsere dominikanische Familie in der Ukraine unterstützen wollen, ist dies z.B. direkt über ihre Aktionswebseite hilfeukraine.dominikanie.pl möglich. Dort haben die ukrainischen Dominikaner mit ihren polnischen Mitbrüdern Infos und direkte Wege aufgeführt: Was wird dringend gebraucht? Wo helfen die Dominikaner im Kriegsgebiet? Wie kommen die Sachen zu den Menschen? Will ich Geld spenden oder direkt konkrete Lebensmitteleinheiten? Herzlichen Dank an alle Unterstützenden!


Kiew, Montag, 27. Juni, 23:00 Uhr

Liebe Schwestern, liebe Brüder,

seit meinem letzten Brief aus der Ukraine sind mehr als zwei Wochen vergangen. Diese längere Zeitspanne zwischen den Geschichten scheint auf eine Rückkehr zur Normalität hinzudeuten. Wenn jemand von Ihnen jetzt nach Kiew oder Lemberg käme und nicht wüsste, dass Russlands Krieg gegen die Ukraine bereits seit vier Monaten andauert, würde er vielleicht nicht auf den ersten Blick erkennen, dass etwas nicht stimmt. Abgesehen davon, dass viele Männer und Frauen in Militäruniformen durch die Straßen laufen, scheint das Alltagsleben zunehmend normal zu verlaufen. Dies scheint jedoch nur so. Spricht man mit den Menschen vor Ort, wird schnell deutlich, dass die Normalität noch in weiter Ferne liegt. Schlimmer noch, es ist nicht absehbar, wann sie zurückkehren wird, denn das Ende des Krieges ist noch nicht in Sicht.

Daran wurden wir am vergangenen Wochenende schmerzlich erinnert. Am Samstag schlugen Dutzende russischer Raketen in der Nähe von Zhytomyr, Lviv und Chernigov ein. Und dann kam der tragische Sonntagmorgen für Kiew. Ich war gerade in Fastovo, als ich kurz vor 6 Uhr morgens von heulenden Sirenen geweckt wurde. Wenige Minuten später war das ohrenbetäubende Geräusch einer Explosion zu hören. Selbst der Hund von Pater Paul, ein freundlicher und sehr ruhiger Labrador, wurde sichtlich beunruhigt. Später stellte sich heraus, dass es die ukrainische Flugabwehr war, die eine der in Richtung Kiew fliegenden Raketen zum Absturz gebracht hatte. Wenige Augenblicke später erhielt ich eine Nachricht von Pater James: „Raketen sind gefallen. Bei uns ist alles in Ordnung.“ Die Raketen waren in der Nähe unseres Klosters eingeschlagen, so dass die Brüder sehr gut hören konnten, wie sie flogen und explodierten. Allen wurde klar, dass die Russen nicht locker ließen und die Hauptstadt erneut angriffen. Leider wurden auch die Insassen eines Pkw getroffen, darunter ein 7-jähriges Mädchen, das aus dem Wrack gerettet werden konnte. Am Nachmittag ging ich hin, um zu sehen, was passiert war. Es bewegte mich zu sehen, wie vertraute Orte zu Ruinen werden. Natürlich gab es keinen direkten Zugang zum Ort der Tragödie. Ich beobachtete die Arbeit der Einsatzkräfte aus der Ferne und sah Feuerwehrleute, die zu ihren Fahrzeugen zurückkehrten. Sie waren sehr müde von ihrer Arbeit und der Hitze. Gemeinsam mit den Rettungskräften, Ärzten, Gas- und Stromexperten sind sie die unbesungenen Helden, die seit Beginn des Krieges in vielen Teilen der Ukraine jeden Tag Leben sowie Hab und Gut retten.

Dieser Angriff war wie ein Weckruf, der die aufkeimende Hoffnung, dass wir in Sicherheit seien, unterbrach und die Menschen in Kiew, insbesondere diejenigen, die erst kürzlich in die Stadt zurückgekehrt waren, an den Krieg erinnerte. Ich habe heute von Menschen gehört, die ihre Entscheidung, nach Hause zurückzukehren, verschoben haben. Neben den russischen Raketen, die in Richtung Ukraine fliegen, blicken wir auch besorgt nach Weißrussland. Und das ist ja nur die Perspektive aus Kiew, wo ich mit meinen Brüdern lebe. Was erst sollen die Menschen im Osten und Süden der Ukraine sagen? Dort geschehen wirklich schreckliche Dinge.

Ich habe die letzte Woche auf Reisen verbracht. Für einige Tage besuchten Pater Alain, der allgemeine Sozialreferent des Ordens, und Pater Lukasz, der polnische Provinzial, die Ukraine. Wir hatten mit Pater Alain schon seit langem ein Treffen in der Ukraine vereinbart, aber bislang kam etwas in die Quere. Endlich haben wir es geschafft. Wir trafen uns, ein bisschen wie in einem Spionagefilm, auf dem Parkplatz eines Supermarktes in der slowakischen Stadt Michalovce. Pater Alain reiste dank der Hilfsbereitschaft von Pater Jacek aus Debrecen, Ungarn an. Es war schön, bei dieser Gelegenheit einen der beiden in Ungarn arbeitenden polnischen Dominikaner zu treffen, zumal Pater Jacek es nicht versäumte, uns mehrere Flaschen hervorragenden Tokajer mitzubringen. Am slowakisch-ukrainischen Grenzübergang sorgten wir für eine kleine Sensation mit dem neuen belgischen Pass von Pater Alain. Das mit bekannten belgischen Cartoon-Figuren verzierte Dokument fand bei den ukrainischen Grenzbeamten großen Anklang. Aber wer wundert sich ernsthaft über die Begeisterung für die Schlümpfe oder Lucky Luke? Bei der Rückgabe erklärte die Grenzbeamtin: „Der Pass ist so schön, dass es eine Schande ist, einen Stempel darauf zu setzen.“

Wir kamen schnell in Mukatschewo in den Unterkarpaten an, einer der Regionen der Ukraine, die eine Mischung aus Kulturen, Sprachen und Religionen bilden. Wir wohnten bei Bischof Nikolai, einem Dominikanermönch. Beim Abendessen erzählte der Mönch von seinen Erfahrungen während des Krieges. Als Bischof in einer sicheren Region des Landes, in der eine große Zahl von Flüchtlingen Zuflucht gefunden hat, begegnet er jeden Tag vielen menschlichen Geschichten. Es fällt schwer, seinen Überlegungen nicht zuzustimmen, dass alle Menschen in der Ukraine, unabhängig davon, wo sie sich befinden und ob sie die zerstörten Häuser und Städte mit eigenen Augen gesehen haben oder diese Bilder vielleicht nur aus dem Fernsehen kennen, Opfer dieses Krieges sind. Jeder ist davon betroffen und verletzt worden. In Mukachevo trafen wir auch Pater Ireneusz, der vorübergehend im Kloster der Dominikanerinnen lebt und Sr. Lidia und vor allem den Priestern der Domgemeinde. Ireneusz kam in den Unterkarpaten mit einer Gruppe von Flüchtlingen in Charkow an, wo er bis zu den ersten Kriegstagen lebte.

Am nächsten Tag, nachdem wir in Kolomyia eine Autowerkstatt aufgesucht hatten, um einen platten Reifen reparieren zu lassen, der durch ein Schlagloch in der Straße entstanden war, kamen wir in Chortkov an. Dort erwarteten uns zum Mittagessen die Patres Svorad, Julian und Dmytro sowie der Postulant Nikita aus Charkiw, der bald sein Noviziat in Warschau beginnen wird. Auf dem Weg zu unserer Kirche hielten wir an der griechisch-katholischen Kathedrale, in deren Altarraum sich ein neues Gemälde befindet. Pater Alain fiel auf, dass einer der Engel einen Ball mit einer Landkarte der Ukraine in den Händen hält. Ein symbolisches Zeichen in schwieriger Kriegszeit. Wir hatten die Gelegenheit, das Innere unseres ehemaligen Klosters zu besichtigen, das zur Zeit renoviert wird. Wir wünschen uns sehr, dass das Dominikanerkloster in Chortkiv zu einem Ort wird, wo vom Krieg betroffene Menschen Hilfe erhalten können, ähnlich wie es aktuell im St. Martins-Haus in Fastovo geschieht. Zum Schluss besuchten wir die Dominikanerinnen, die uns von ihrer karitativen Arbeit mit Bedürftigen erzählen. Schwester Marcelina zeigte mir eine Karte der Ukraine, die an der Gartenlaube hängt und auf der die Orte verzeichnet sind, an denen die von den Dominikanerinnen von Chortkiv verschickten Geschenke angekommen sind. In Gesprächen mit Schwestern und Brüdern, aber auch mit Gemeindemitgliedern, die ich zufällig treffe, höre ich immer wieder vom Glauben an die Fürsprache Marias und der Heiligen, die Chortkiv mit ihren Gebeten beschützen.

Dann noch flugs zu den Brüdern in Chmelnizkij und Lemberg: Pater Igor, der vor kurzem zum Priester geweiht wurde, hat sich sehr gut in die Gemeinschaft eingefügt, die nicht nur die jüngste des Vikariats der Ukraine ist, sondern des gesamten Ordens. Bei der Morgenmesse in der Klosterkapelle in Chmelnyzkyj, die Pater Igor in englischer Sprache zelebrierte, hörten wir in einer kurzen Predigt von Johannes dem Täufer und seinem Beispiel, wie er Christus an- und verkündet. Am Nachmittag waren wir bereits in Lviv, wo die Brüder mit Pizza auf uns warteten. Nach Gesprächen und einem Besuch in der Rosenkapelle machten sich die Patres Alain und Lukas auf den Weg nach Polen, während ich auf den Abendzug nach Kiew wartete.

Beim Tippen dieses Briefes lese ich nun Nachrichten über weitere Raketenangriffe in der Ukraine. Ein Einkaufszentrum in Krzemenchuk, einer Stadt in der Zentralukraine, steht in Flammen. Das ist ein erschreckender Anblick und ein noch erschreckenderes Bewusstwerden für weitere menschliche Tragödien. In Charkiw sterben ebenfalls Menschen durch Beschuss. Dies sind alles zivile Opfer, einfache Menschen, die in die Reichweite russischer Granaten gerieten.

Vergessen Sie die Ukraine nicht! Mit Grüßen und der Bitte um Ihr Gebet,

Jaroslaw Krawiec OP


Bisherige Briefe seit Kriegsbeginn:

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