Dominikanerorden

Die alte Teutonia
Zur Geschichte der Dominikaner-Provinz Teutonia

MEINOLF LOHRUM

Vorbemerkung:
In seiner Dissertation „Die Wiederanfänge des Dominikanerordens in Deutschland nach der Säkularisation 1856-1875“, die 1969 von der Theologischen Fakultät der Päpstlichen Universität St. Thomas von Aquin in Rom angenommen wurde, befasst sich P. Meinolf Lohrum OP in der Einleitung in einer Übersicht mit der Geschichte der alten Provinz Teutonia und ihres Untergangs. Sie wird im folgenden Text ohne die im Buch angegebenen Fußnoten wiedergegeben.

„… Der erste Konvent auf deutschem Boden wurde 1220 in Friesach (Kärnten) gegründet. Nach Pfingsten 1221 erfolgte die Gründung des Kölner Konventes. Noch im gleichen Jahre wurde die deutsche Ordensprovinz Teutonia errichtet, die sich damals über alle Länder nördlich der Alpen und von Frankreich bis Ungarn und Polen erstreckte. „Ein gewisser Bruder Bernhard nahm... das Amt des Provinzials von Deutschland ein. Zwischen 1224 und 1225 wurde er durch Konrad von Höxter ersetzt.“ Sehr schnell breitete sich der Orden in Deutschland aus. Bereits 1228 wurden die skandinavischen Konvente von der Teutonia abgetrennte. Die Konvente in Brügge und Gent wies das Generalkapitel von 1259 in Valenciennes der Provinz Frankreich (Paris) zu. Bis 1300 wuchs die Teutonia auf 94 Konvente an. Das Generalkapitel zu Besançon 1303 trennte die Konvente in Holland, Friesland, Westfalen, Hessen, Sachsen, Thüringen, Brandenburg, Mecklenburg, Pommern und dem Baltikum von der Teutonia ab und fasste sie zur Provinz Saxonia zusammen. Die der Teutonia verbliebenen Konvente wurden in vier „Nationen“ aufgeteilt: Alsatia (die Konvente im Elsass, in Baden und in der Schweiz), Suevia (die in Württemberg, Schwaben und Franken), Bavaria (die in Bayern und Österreich), Brabantia (die in Brabant und im Rheinland). Im Jahre 1500 zählte die Teutonia 56 Konvente.

Während der Reformbewegung, namentlich im 15. Jahrhundert, wurden wegen der inneren Ordensdisziplin Konvente der Leitung des Provinzials entzogen und einem Vikar des Ordensmeisters unterstellt. Beide Parteien, die Observanten wie die Konventualen, nahmen an der Wahl des Provinzials teil. Die unterlegene Minderheit erhielt einen Vikar des Ordenbsmeisters. Mit der Wahl des Observanten Jakob von Stubach trat die Provinz Teutonia 1475 zur Reform über. Die Konvente der Konventualen fasste der Ordensmeister Leonardus de Mansuetis (1474-80) zur Congregatio Germaniae Superioris zusammen, die erst 1608 auf dem Generalkapitel zu Rom endgültig aufgelöst wurde, nachdem sie schon vorher zweimal zeitweise aufgehoben worden war. Durch die Reformation verlor die Teutonia elf Konvente, darunter alle vier in der Schweiz. Die Provinz Saxonia ging fast ganz unter. Die übriggebliebenen Konvente in Soest, Warburg, Wesel, Osnabrück und Dortmund wurden 1608 der Teutonia eingegliedert, während der Konvent in Eger zur Böhmischen Provinz kam. Dasselbe Generalkapitel wies der Teutonia auch den Konvent in Bozen zu.

Erst nach dem Dreißigjährigen Krieg erholte sich die Teutonia langsam von den Folgen der Reformation. Aber sie verlor durch Abtrennung innerhalb von neunzehn Jahren mehr als die Hälfte ihrer Konvente. Nach der Besetzung des Elsass durch den französischen König Ludwig XIV. fasste man die dortigen Konvente 1690 zur Congregatio Alsatiae (Elsass) zusammen. 1702 wurden die Konvente in Österreich endgültig von der Teutonia abgetrennt und mit denen Ungarns zur Provinz Ungarn-Österreich vereinigt. Seit der Mitte des 16. Jahrhunderts waren diese Konvente öfter aus dem Verband der Teutonia losgelöst worden. Viermal waren sie schon der Böhmischen Provinz zugewiesen worden. Es bestand auch eine Congregatio Steiermark und Kärnten, die zeitweise der Provinz Ungarn inkorporiert, 1654 wieder mit der Teutonia vereinigt worden war.

Aus Gründen der Observanz trennte der Ordensgeneral P. Antonin Cloche (1686-1720) 1709 die Konvente in Bayern, Schwaben und Franken von der Teutonia ab und schloss sie zur Provincia Germaniae Superioris zusammen. Da inzwischen in Münster und Gronau Konvente errichtet worden waren, zählte die Teutonia nun achtzehn Konvente. Diese waren gut besetzt. Aber in der Zeit der Aufklärung gingen die Ordensberufe sehr zurück. Während die Teutonia 1767 noch 486 Religiosen zählte, waren es 1794 nunmehr 327. Der Kurfürst und Erzbischof Friedrich Kar! Josef von Erthal von Mainz, der eine aufklärerische Klosterpolitik betrieb, hob die Konvente in Mainz (1789), Frankfurt (1790)und Worms (1797) auf. Die Französische Revolution und die Säkularisation führten den völligen Untergang der Teutonia herbei.

„Am 17. Juni 1799 mussten die Kölner Dominikaner auf Befehl der französischen Besatzung in zwei Stunden, abends von 7-9 Uhr, ihr schönes Kloster verlassen, es wurde Kaserne. Die Patres siedelten nach den Stiftshäusern von St. Andreas über ... Von hier aus konnten sie noch den Gottesdienst in ihrer ehrwürdigen Kirche versehen. Drei Jahre später wurde auch die Kirche beschlagnahmt und abgerissen.“ Die französische Regierung (im Frieden von Lunéville 1801 waren die deutschen Gebiete links des Rheins an Frankreich abgetreten worden) säkularisierte 1802 die Klöster auf dem linken Rheinufer. Außer Köln traf diese Maßnahme auch die Konvente in Aachen, Koblenz, Speyer und Trier.

Das Kloster in Heidelberg wurde 1801 aufgehoben. Das letzte Provinzkapitel fand 1805 in Münster statt, auf dem der Warburger Prior P. Franciscus Brüning zum Provinzial gewählt wurde. Während seines Provinzialats wurde zwar kein Konvent aufgehoben, aber die Lage der Teutonia verschlechterte sich immer mehr, und ihr völliger Untergang war nur noch eine Frage der Zeit. Ein geregeltes Ordensleben war in den meisten Konventen nicht mehr möglich. Man rechnete jederzeit mit der Auflösung. In dieser unruhigen und verworrenen Zeit hatten die Ordensleute von feindseligen Regierungen und Soldaten viele Drangsale zu erdulden. Auch die materielle Not war groß. Die Konvente schrumpften zusammen, da der Ordensnachwuchs ausblieb und viele Patres sich Seelsorgsstellen außerhalb des Klosters suchten. P. Brüning schrieb am 30. April 1809 an den Ordensmeister P. Gaddi, dass es unmöglich sei, ein Provinzkapitel abzuhalten. P. Gaddi setzte daher P. Brüning als Vikar des Ordensmeisters für die Provinz Teutonia ein.

Die noch bestehenden Konvente wurden bald nacheinander aufgehoben: 1810 Halberstadt, 1811 (?) Wesel, 1812 Münster, 1814 Soest 1815 Gronau, 1816 Dortmund, 1819 Osnabrück, 1820 Marienheide, 1825 schließlich als letzter Konvent Warburg. Die meisten Patres übernahmen Pfarr- und Kaplanstellen, während die Brüder bei Verwandten Unterkunft suchten. Nach 600 Jahren hatte die Teutonia aufgehört zu bestehen.

Am 12. März 1855 starb zu Rösberg (Vorgebirge) P. Johann Joseph Dortans, Pfarrer in Rösberg und Landdechant des Dekanates Hersel. Nach der Aufhebung des Aachener Konventes 1802 war er in den Diözesanklerus übernommen worden. Der letzte Konventuale des Dortmunder Konventes, Fr. Stephanus Stille, verschied am 6. April 1855 in Dortmund. Er war geboren am 27. September 1779 in Liesborn und hatte am 22. Juni 1802 im Dortmunder Kloster seine Profess abgelegt. Nach der Aufhebung des Konventes blieb er als Küster an der ehemaligen Dominikanerkirche (heute Propsteikirche) und wohnte im alten Kloster. Der Soester Dominikaner Wilhelm Wilken verstarb als letzter seines Konventes am 14. Dezember 1856 in Oberschledorn. In Warburg starb am 24. Dezember 1857 P. Pius Fischer, der letzte des Warburger Konventes. Von der Auflösung des Klosters bis kurz vor seinem Tode war er Hausgeistlicher des Grafen von Merveldt in Hardehausen gewesen. Am 10. Juli 1860 starb in Köln P. Pius (Hermann Joseph) Wiand, der 1793 in seiner Vaterstadt Köln in den Orden eingetreten war. Nach der Säkularisation des Kölner Konventes wirkte er als Prediger in Köln, St. Alban, als Subsidiar in Fischenich und Schwadorf bei Brühl, als Pfarrer in Dieblich und als Subsidiar in Köln, St. Alban. Das dürften wohl die letzten Dominikaner der alten Teutonia gewesen sein.“

Aus: Meinolf Lohrum, Die Wiederangfänge des Dominikanerordens in Deutschland nach der Säkularisation 1856-1875, Bd. 8 der Walberberger Studien der Albertus-Magnus-Akademie, Theologische Reihe, Mainz 1971, S. 1-6