I
Der Gründer
und das Werk
II
Die theolo-
gische Fest-
legung des Ordens
III
Der Orden in der Neuzeit
IV
Literatur |
|
In das Werk, den Predigerorden (Ordo fratrum
Praedicatorum, OP), sind Herkunft und Erfahrungen des Gründers gleichermaßen
eingegangen. Dominikus, kurz nach 1170 zu Caleruega in Altkastilien geboren, verkörpert
ein vielfältiges Erbe seiner Heimat:
den
religiösen Eifer der Reconquista,
die
kirchlich-monastische Reform,
die durch
die Augustinusregel geformten Gemeinschaften der Kanoniker,
das Streben
nach Bildung und Wissen.
Seinen Namen
erhielt er nach dem heiligen Abt der nahegelegenen Benediktinerabtei Silos, die in der
Geschichte Spaniens eine bedeutende Rolle gespielt hat. Nach mehrjährigem Studium in
Palencia tritt Dominikus in das Domstift Osma ein, wo er 1201 als Subprior bezeugt ist.
Die durch die genannten Elemente geprägte Lebensweise wird ihn begleiten und seiner
Gründung ein tragfähiges Gerüst geben.
Das in den
Kämpfen mit den Mauren gefestigte Ideal kirchlicher Rechtgläubigkeit und die
Geborgenheit einer Chorherrengemeinschaft werden angesprochen, als Dominikus mit seinem
Bischof Diego auf zwei im Auftrag des Königs unternommenen Reisen nach Nordeuropa in
Südfrankreich Bekanntschaft mit der Häresie der Katharer macht. Auch die Waldenser lernt
er kennen, die, der Nachfolge des armen Herrn verpflichtet, das Evangelium in der
Wanderpredigt verbreiten. Sie bedienen sich dazu volkssprachlicher Übersetzungen.
Mangelndes Verständnis ließ sie in die Häresie abgleiten. Mit Gewalt durchgeführte
Bekehrungsversuche mit Hilfe von Zisterziensern, Repräsentanten der alten Ordnung, die
nicht gewohnt war, Andersdenkende durch Beispiel und Argumente zu überzeugen, schlugen in
Südfrankreich fehl. Passendere Methoden mußten gefunden werden. Dies nach einer Zeit des
Überlegens und Tastens gesehen zu haben ist das Verdienst der beiden Spanier.
Dominikus und
sein Bischof hatten zwar für die Irrlehre keine Sympathie, aber das Leben und die
Apostolatsformen der Häretiker machten sie nachdenklich und bereit, von ihnen zu lernen.
Ließen sich apostolische Nachfolge und Predigt in einer kirchlich anerkannten Gestalt
verwirklichen, mußte das die Antwort auf eine historische Herausforderung sein, die
möglicherweise über die Situation in Südfrankreich hinauswies, weil sie Ansprüchen
entgegenkam, die das Jahrhundert mit dem Aufkommen neuer gesellschaftlicher Schichten in
den Städten Westeuropas stellte.
Und genau dies war die Idee, die Dominikus mit einer kleinen Gruppe von Gefährten
in die Tat umsetzen wollte.
In rechtlich
verbindlicher Form approbierte Bischof Fulko von Toulouse im Jahre 1215 die
Predigergemeinschaft, die im Haus an der Kapelle des hl. Romanus das Zentrum für ihre
Predigtarbeit fand. Papst Honorius III. (1216-1227) nahm sie am 22. Dezember 1216 in den
Schutz des Apostolischen Stuhls. Die Bulle, wiewohl in geläufigen Formeln abgefaßt,
hatte den Vorteil, daß nunmehr die Toulouser Kanonikerkommunität, die ordo canonicus
genannt wird, unter der Obhut des Papsttums stand. Auf sie folgte am 21. Januar 1217 ein
weiteres Dokument, an den «Prior und die Predigerbrüder des hl. Romanus im Gebiet von
Toulouse» gerichtet, welches das Außerordentliche der Gründung noch deutlicher
hervortreten läßt. Die Predigt, bisher vornehmste Aufgabe der Bischöfe und der durch
sie Bevollmächtigten, wird nun auch einem «Predigerorden» anvertraut. Das heißt: Eine
Gemeinschaft beginnt sich aus dem Diözesanverband herauszulösen, indem sie dem Papst
unterstellt wird. Ein grundlegender Wandel in den herkömmlichen Seelsorgestrukturen
kündigt sich an, dessen theologische und rechtliche Begründung einstweilen noch
aussteht. Sie wird den Orden später beschäftigen.
Wahrscheinlich wäre aus den etwa dreißig Brüdern nie ein universaler Orden
geworden, hätte Dominikus nicht 1217 in einer kühnen Sendung, die gegen die Vernunft zu
sein schien, für Ausbreitung gesorgt. Die Orte sind bezeichnend und programmatisch:
Paris, Bologna, Spanien. Daß die beiden damals bedeutendsten wissenschaftlichen Zentren
herausgehoben werden, ist offensichtlich Teil eines wohldurchdachten Plans. Predigt und
Theologie sollen zusammengehören. Dominikus selbst geht nach Rom und erwirkt dort eine
Bulle vom 21. Februar 1218, die die «Brüder des Predigerordens» den Bischöfen des
Erdkreises empfiehlt, weil sie der Verkündigung obliegen und dem Herrn in Armut
nachfolgen. Eine auf Dauer angelegte Gemeinschaft mit einer den Rahmen der Tradition
sprengenden Aufgabe wäre ohne entsprechende Gesetzgebung nicht aktionsfähig. Obschon es
im einzelnen nicht mehr möglich ist, die ältesten Elemente der Verfassung namhaft zu
machen, darf doch als sicher gelten, daß es sich um Konvente handeln soll, die aus der
kanonikalen Lebensweise hervorgegangen sind, aber schließlich doch etwas Neues
darstellen. So etwa: «Ein Konvent soll nur gesandt werden, wenn er nicht wenigstens
zwölf Brüder, einen Prior und einen Lehrer der Theologie (doctor) hat.» Dazu kam das
kirchliche Stundengebet, wie es Dominikus seit seiner Jugend in Osma gepflegt hat.
Daß im Konvent studiert wird, ist nicht eigentlich neu - auch die Monasterien
kannten die «Lesung» -, wohl aber deutet sich ein Wandel dadurch an, daß dies jetzt
gleichsam professionell und methodisch geschehen soll und allen Brüdern obliegt, weil
Predigt nicht ohne Studium sein kann. Eine großzügig zu handhabende Dispensvollmacht des
Oberen soll für Freiheit und situationsgerechtes Arbeiten sorgen. Die Augustinusregel
erweist sich als weit genug. Sie ist gewissermaßen das Dach, unter dem man lebt und
wirkt. Alle sonstigen Gesetze sind auf Generalkapiteln zu erlassen und den jeweiligen
Bedürfnissen anzupassen. Als Dominikus am 6. August 1221 in Bologna starb, hatte sein
Predigerorden eine rechtlich-spirituelle Gestalt gefunden, von der ungewöhnliche
Anziehungskraft ausging.
Etwas für die Zukunft höchst Bedeutsames bleibt nachzutragen. Dominikus hatte ein
vielfach bezeugtes Verständnis für Frauen und deren Religiosität. Das verraten nicht
nur die Aussagen des Heiligsprechungsprozesses, wichtiger und Kommendes vorwegnehmend ist,
daß er, noch ehe er zur Gründung seiner Predigergemeinschaft schritt, in Prouille,
mitten im von der Häresie bedrohten Land, eine Schwesternkommunität ins Leben rief, das
erste Kloster für «Dominikanerinnen». Auch in Bologna, Rom und Madrid war ihm die Sorge
für Frauen ein Herzensanhegen, so daß ihn der Papst bat, die Klosterreform in Rom in die
Hand zu nehmen. Daß sich später so viele Nonnen seinem Orden zuwenden werden, hat seinen
Grund auch in dieser Sympathie für Frauen, die sich geistlich benachteiligt fühlten.
Welche gestaltende Kraft der Stifter seinem Orden hinterlassen hatte, zeigen
exemplarisch die Konstitutionen, die er sich 1228 im Pariser Konvent St. Jacques gab. In
ihren Grundzügen sind sie bis heute gültig geblieben. Den Orden leitet ein
Generalmagister, der auf den jährlich tagenden Generalkapiteln von den Provinzialen und
zwei Delegierten aus den einzelnen Provinzen gewählt wird (1228 waren es bereits deren
zwölf). Sie können ihn zur Rechenschaft ziehen und absetzen. Provinzials- und
Vertreterkapitel sollen sich abwechseln, um auch die Untergebenen an der Leitung und
Gesetzgebung teilhaben zu lassen. Gesetzeskraft erlangt eine Bestimmung erst, wenn sie auf
drei aufeinanderfolgenden Generalkapiteln gutgeheißen wurde. Anfänglich tagten sie (am
Montag nach Pfingsten) in Paris oder Bologna, seit 1243 an jeweils festzusetzenden Orten.
Den Provinzen, die wenigstens drei Konvente haben müssen, steht ein Provinzial vor,
dessen vierjährige Amtszeit vom Generalmagister bestätigt wird. Der Prior, für drei
Jahre gewählt, bedarf der Approbation des Provinzials. Mehrheitswahl und obrigkeitliche
Gewalt verschränken sich somit auf eigentümliche Weise. Jeder Obere ist - nach dem
Vorbild mittelalterlicher Korporationen - auf Zeit bestellt und zur Rechenschaft gehalten.
Zu den ersten
Pflichten des Provinzials rechnen die Konstitutionen die Sorge für den
Professorennachwuchs, der seine Ausbildung an geeigneten Zentren (Paris - St. Jacques)
erhalten sollte. Daß das Studium im Dienst der Seelsorge und Predigt stand, versteht sich
nach dem Gesagten. Welcher geistliche Rang ihm zugedacht war, erhellt aus der Verfügung,
die sich im Rahmen der liturgischen Anweisungen befindet: «Alle Horen sollen in der
Kirche kurz und bündig gebetet werden, daß die Brüder ihre Andacht nicht verlieren und
das Studium nicht den geringsten Nachteil erfährt.» Den Studenten sind im Konvent Räume
für die scholastischen Disputationen zuzuweisen und, wofern sie als begabt erfunden
werden, sollen sie Einzelzellen haben, in denen sie ihren religiösen und
wissenschaftlichen Pflichten nachkommen.
Kirchen,
Konvente und bescheidener Besitz werden akzeptiert. Sie sind unerläßliche Mittel für
Theologie und Predigt. Gegen die Armut verstoßen jedoch Grundbesitz und regelmäßige
Einkünfte, da sie die Brüder von der Notwendigkeit, den Unterhalt durch Seelsorge zu
erwerben, befreien würden. Im übrigen vermeiden die Konstitutionen detaillierte
Vorschriften. Sie sind Sache der Generalkapitel. Sie haben den Prozeß der Anpassung an
die Zeitumstände zu steuern. Ein Muster solcher Variabilität ist die Neufassung der
Konstitutionen (1241) unter dem Generalat Raymunds von Pefiafort. Weitere Merkmale, die
nicht wenig zur Flexibilität beitrugen und Observanzstreitigkeiten vermeiden halfen,
liegen in der dem Oberen zugestandenen Vollmacht, von Vorschriften zu dispensieren, falls
sie sich als hinderlich zur Erreichung des primären Ordensziels erweisen, sowie in der
Art der Verpflichtung von Satzungen. Ordensgesetze binden nicht unter Sünde, sondern nur
unter Strafe. Das ist damals als unerhörte Neuerung empfunden worden. Auch räumte man
dem Untergebenen ein Beschwerderecht ein, das ihn vor Willkür und Mißbrauch des
Gehorsamsgelübdes schützen sollte.
Befremden
mag, daß 1228 untersagt wurde, die Seelsorge an Nonnen zu übernehmen. Der Widerspruch zu
Dominikus scheint offenkundig zu sein, zumal in den Jahren zuvor anderes bezeugt ist. Man
denke an das schöne Verhältnis des Generalmagisters Jordan von Sachsen, des ersten
Nachfolgers des Stifters, zu Diana D'Andalo in Bologna, wie es aus der erhaltenen
Korrespondenz spricht. Was war der Grund für diesen Rückzug? Es war wohl eine
Vorsichtsmaßnahme, da der Orden fürchtete, Bindungen einzugehen, die seiner
Unabhängigkeit und Ortsungebundenheit hinderlich sein würden. Auch war er besorgt, in
ökonomische Probleme verwickelt zu werden, wie sie für Monasterien typisch waren.
Daß sich der
Orden schon wenige Jahre nach dem Tod des Stifters eine so ausgewogene Verfassung gab, ist
kein Zeichen der Verrechtlichung der Ideale der kleinen Predigerkommunität von einst,
sondern ein Beweis für seine innere Festigkeit und seinen Wunsch, im neuen Umfeld zu
bestehen. Die Nachgeschichte und namentlich der Umstand, daß er vor schweren
Erschütterungen und Zerreißproben verschont wurde, zeigen eindrücklich, was eine weise
und auf Ausgleich bedachte Verfassung zu leisten imstande war. Der Orden breitete sich -
die Zahl der im Jahr 1228 vertretenen Provinzen belegt es - rasch aus, wobei er große
Städte bevorzugte, da sie das gewünschte Publikum und materielle Ressourcen boten.
Wichtig war schließlich, daß es sich um Orte handelte, die intellektuelle Aktivitäten
begünstigten und die Rekrutierung sicherten. Die englische Provinz mag das illustrieren:
Die Predigerbrüder gingen zuerst (1221) nach Oxford und dann (1224) nach London. Man hat
errechnet, daß bis 1277 etwa 404 Priorate entstanden sind, eine Zahl, die bis 1303 auf
590 anwuchs.
Der
erstaunliche Erfolg verdankt sich dem Desiderat der Stunde, der Predigt. Der Orden hat
auch dafür einen institutionellen Rahmen geschaffen, indem er den Oberen strikte Auflagen
bei der Auswahl und Bildung der Brüder machte. Die Konstitutionen von 1228 sehen vor,
daß nur geeignete und geprüfte Kandidaten den Autoritäten präsentiert werden, wie es
dem hohen Amt - gesprochen wird von der «Gnade der Predigt» - angemessen ist. Sie
müssen wenigstens ein Jahr Theologie studiert haben. Sie haben sogar einen Anspruch
darauf, von allen sonstigen konventualen Pflichten befreit zu werden. Die Approbation
seitens des Ordens genügte freilich nicht. Obschon es Dominikus gelungen war, seine
Gemeinschaft unter den Schutz des Apostolischen Stuhls zu stellen, der nicht gezögert
hatte, sie mit dem bisher den Bischöfen reservierten Titel «Predigerorden» zu
bezeichnen, war allen Beteiligten klar, daß dahinter Probleme von beträchtlichem Gewicht
standen. Die dem einzelnen Predigerbruder von seinem Orden gegebene Erlaubnis setzte die
Einwilligung des jeweiligen Diözesanbischofs voraus. Wurde sie verweigert, sollten die
Brüder päpstliche Schreiben vorweisen, die als übergeordnetes Recht zu betrachten
waren. Gleichwohl sollten sie Konflikte nicht provozieren, sondern Einvernehmen suchen.
Daß dies noch keine allseits akzeptierte Lösung war, sollte sich indessen bald zeigen.
Deutlich ist hingegen, daß der Orden aufgrund eines universalkirchlichen Mandats einen
starken Rückhalt im Papsttum hatte, das er seinerseits nach Kräften zu verteidigen
suchte. |
Die theologische Festlegung des Ordens |
Daß der Orden in kurzer Zeit dauerhafte und
nie kontroverse Fundamente legen konnte, hat seinen Grund gewiß auch in dem Umstand, daß
er während des 13. Jh.s Generalmagistri hatte, die als Prediger, Gesetzgeber und
Adminjstratoren ungewöhnlich reiche Persönlichkeiten waren. Ihnen gelang es, hochbegabte
junge Leute anzuziehen und schließlich in Positionen zu bringen, die es ihnen
gestatteten, den zunächst auf die kirchliche Praxis zielenden Predigtauftrag so in
Philosophie und Theologie zu integrieren, daß ihnen eine neue Sendung erwuchs, die die
alten Ideale nicht zu verleugnen brauchte.
Der Prozeß einer allmählichen Umorientierung, der gleichzeitig eine
Konsolidierung bedeutete, nahm seinen Ausgang an der Pariser Universität. Der in den
Kanonisationsakten Dominikus zugeschriebene Satz, die sieben Bruder sollten in die
Seinemetropole gehen, «um zu studieren, zu predigen und einen Konvent zu gründen»,
hatte eine unvorhersehbare Wirkung. Dort unterrichtete sie Johannes von St. Albans,
wahrscheinlich ein Engländer. Das ihnen geschenkte Hospiz St. Jacques sollte für den
Orden schicksalhafte Bedeutung erlangen. Als Dominikus 1219 nach Paris kam, hatte der
Konvent bereits etwa dreißig Bruder. Zahlreiche Studenten, darunter Jordan von Sachsen
und Reginald von Orleans, wurden gewonnen. Mit Johannes von St. Giles und Roland von
Cremona, beide vorher Weltpriester, kamen die ersten Dominikaner zur Magisterwürde an der
Universität. Seit 1245 ist Albertus Magnus als Magister bezeugt. Über die Fakten und
Personen hinaus bedeutet das: Der Orden stellt sich der intellektuellen Herausforderung
des Jahrhunderts, die mit dem Stichwort «Aristotelesrezeption» nur unzureichend
charakterisiert ist. Entscheidender wird für ihn, daß unter Führung einiger seiner
Mitglieder die Theologie als Wissenschaft konzipiert wird, die der Verteidigung und der
geistigen Durchdringung des Kirchenglaubens ebenso wie der Reflexion auf die Sendung des
Ordens dient. Das wird ihm eine Aufgabe auch in einer Zukunft sichern, in der die Predigt
zurucktritt.
Als Thomas von Aquin 1256 in Paris eintrifft, sind die Orden der Franziskaner und
Dominikaner in einer höchst gefährlichen Situation, da ihr Existenzrecht bestritten
wird. Vertreter aus dem Weltklerus werfen ihnen vor, päpstlich privilegierte
Gemeinschaften, die das Recht hätten, überall zu predigen, stünden mit dem
traditionellen Mönchtum in Widerspruch, das eben dies nicht zum Ziel gehabt habe, weil
solche Aktivitäten nur Bischöfen und Pfarrern zukämen. Gegenstand des Angriffs war
weiterhin das akademische Lehren der Mendikanten, die - wie die Gläubigen - in Wahrheit
zur hörenden Kirche zu rechnen seien. Was auf den ersten Blick als kleinlicher Streit
anmutet, war tatsächlich mehr, nämlich ein Konflikt um das rechte Kirchenverständnis,
das durch den Papst tiefgreifend verändert worden war, als er die Bettelorden als
ortsunabhängige Personalverbände bestätigte. Was in der Empfehlungsbulle Hononus' III.
scheinbar harmlos geklungen hatte, war von der Leitung des Dominikanerordens schon 1228
als Schwierigkeit gesehen worden. Eine befriedigende theologische Rechtfertigung stand
freilich noch aus. Thomas von Aquin hat sie mit einer Klarsicht gegeben, die nicht nur die
Gegner in die Schranken wies, sondern dem Orden ein Selbstverständnis vermittelte, das
ihn beinahe ebenso prägte, wie das die Verfassung von 1228 auf rechtlicher Ebene getan
hatte:
Daß Religiosen, die das Erbe der evangelischen Bewegung angetreten hatten,
dozieren dürfen, hat seinen Grund in deren vertrautem Umgang mit der hl. Schrift und in
der buchstäblichen Nachfolge des Herrn. Schließlich bestehen engste Beziehungen zwischen
denen, die kraft ihres Standes der Kontemplation zu obliegen haben, und der akademischen
Unterweisung. Nicht zuletzt fordert die gegenwärtige Situation mit einer höchst
mangelhaften theologischen Bildung des Klerus, daß sich kompetente Professoren der Sache
annehmen, zumal das Dozieren als ein Akt der Barmherzigkeit zu gelten hat, den man denen
nicht verweigern darf, die nach dem Wort Gottes verlangen. Die Predigt bleibt gewiß den
Bischöfen vorbehalten, aber auf Geheiß des Papstes müssen sie Gehilfen beiziehen, die
in seinem und in ihrem Auftrag verkünden. Das Oberhaupt als Vorsteher der Gesamtkirche
trägt Verantwortung für das Ganze, die über die der Ortskirchen hinausweist. Thomas
sieht zwar die Bettelorden in dieser universalen Sendung des Primats verankert, doch
geschieht das stets im Blick auf die Bischöfe.
Anstoß erregte schließlich die ökonomische Basis der Mendikanten: der Bettel
oder, wie man zutreffender sagen sollte, der Erwerb des Unterhalts durch Seelsorge und
Wissenschaft, die im Dienst der Gläubigen stehen. Handarbeit und Grundbesitz, die
klassischen Quellen, aus denen das Mönchtum lebte, scheiden aus. Eine arbeitsteilige
Gesellschaft, wie sie sich im 13. Jh. voll zu entfalten beginnt, ist in der Lage,
diejenigen zu finanzieren, die für das Wohl der Allgemeinheit tätig sind.
Das sind in groben Zügen die Grundgedanken der von Thomas vorgetragenen Apologie,
die ihre Wirkung nicht verfehlte, weil er rational und theologisch überzeugend zu
argumentieren verstand. Gewiß traten ähnliche Probleme auch später auf, aber die
Tatsache, daß man prinzipiell zu den damals gefundenen Lösungen zurückkehrte,
bestätigt, daß das Fundament solide gelegt war. Thomas hat Jahre später (ab 1269) in
Auseinandersetzung mit radikalen Kreisen eine Synthese aller mit dem Ordensstand
verbundenen Probleme vorgelegt, in der er Aufgaben und Zweck seines Ordens in die
berühmte Formel gebracht hat: «Beschauen und das in der Beschauung Erkannte an andere
weitergeben.» Theologie, Seelsorge und Predigt werden zu einer Einheit gefügt, die die
Ideale des Stifters in die gelehrte Sprache einer späteren Zeit übersetzt, um ihnen
Dauer zu verleihen.
Als die Generalkapitel von 1309 und 1313 die Doktrin des Aquinaten in den Schulen
des Ordens für verbindlich erklärten, wollte man damit auch zum Ausdruck bringen, daß
er ihm ein spirituell-theologisches Programm gegeben hat, das geeignet war, an das
Wesentliche der ursprünglichen Predigergemeinschaft zu erinnern. Wie der Blick auf
parallele Entwicklungen zeigt, haben Konstitutionen und Theologie entscheidend dazu
beigetragen, den Orden vor Spaltungen zu bewahren. Trotz der überragenden Rolle, die der
Aquinate seither gespielt hat, hat es immer wieder Anhänger anderer Richtungen gegeben.
Zu nennen sind im 14. Jh. Dietrich von Freiberg, Berthold von Moosburg und Ulrich von
Straßburg, die bedauerlicherweise als Außenseiter galten und schließlich in
Vergessenheit gerieten, bis sie die Forschung unserer Tage entdeckt hat. Auch andere
Dominikaner haben sich verdient gemacht. Hugo von Saint-Cher ( 1263) verfaßte
Bibelkorrektorien und eine geschätzte Bibelkonkordanz. Moneta von Cremona ( ca.
1250) schrieb eine Darstellung und Widerlegung der katharischen Häresie. Die intensive
Beschäftigung mit Aristoteles wäre ohne die Übersetzungen Wilhelms von Moerbeeke
( vor 1286) nicht möglich gewesen. Weite Verbreitung fand die historische,
theologische und naturkundliche Enzyklopädie des Vinzenz von Beauvais ( ca. 1264).
Die Rolle des Albertus Magnus ( 1280) in der Rezeption des Aristoteles und in der
Vermittlung antiken Wissens kann nur angedeutet werden. Raymund von Peñafort (
1275) sammelte die Dekretalen Gregors IX. Martin von Troppau ( 1278) ist der Autor
einer bis 1277 reichenden Chronik, die im Spätmittelalter oft zitiert wurde. Die
Opposition von Theologen aus dem Minoritenorden (Franziskaner) gegen fundamentale
Positionen des hl. Thomas von Aquin provozierte eine Reihe von dominikanischen
Gegenschriften, die wesentlich zur Bildung von zwei großen Schulen führten. Die in
diesem Zusammenhang entstandenen Kontroversen über die Ordensarmut sind eine wichtige
Ursache für den «Armutsstreit» unter Johannes XXII. (1316-1334), der die Kirche
erschütterte. Daß dieser Papst Thomas 1323 heiliggesprochen hat, bedeutete für den
Thomismus eine folgenschwere Anerkennung. In den Kämpfen zwischen Philipp dem Schönen
von Frankreich und Bonifaz VIII. schrieb Johannes Quidort von Paris ( 1306) einen
für die Entwicklung der Staatstheorie hochbedeutsamen Traktat «Über königliche und
päpstliche Gewalt», in dem auch Thesen vorgetragen wurden, die für die Unterordnung des
Papstes unter ein Konzil plädierten.
Obschon vom Orden nicht gewünscht, konnte es doch nicht ausbleiben, daß
Dominikaner schon bald Bischöfe und Kardinäle wurden. Mit Innozenz V. (1270) und
Benedikt XI. (1303-1304) stellte er zwei Päpste. Die Nähe zum Papsttum und solide
Bildung, die für komplizierte Prozesse notwendig war, sind die Ursache, daß vornehmlich
Dominikaner mit der Inquisition betraut wurden. Daß man den Orden oft mit ihr
identifizierte, war seinem Ruf - zumal im historischen Rückblick - abträglich.
Von vorsichtigen Äußerungen zur Schwesternseelsorge haben wir bereits gehört.
Der Auftrag Innozenz' IV., der Orden solle seine Konstitutionen auch in den
Frauenklöstern einführen, stieß auf lebhaften Widerspruch des Generalmagisters Johannes
Teutonicus, da die einzugehenden Verpflichtungen geeignet waren, die Predigt zu behindern.
Die Weigerung hatte zunächst Erfolg, doch mußte der Orden schließlich auf Drängen der
Kurie nachgeben, so daß auf dem Generalkapitel 1257 akzeptiert wurde, daß alle dem Orden
unterstellten Klöster das Recht auf dominikanische Seelsorge hatten. Das sollte auch für
die Zukunft gelten, wofern drei Generalkapitel zustimmten oder der Papst eine
entsprechende Verfügung traf. Humbert von Romans gab 1259 den Schwestern Konstitutionen,
die auf denen der Brüder beruhten. Der Orden bemühte sich, die wirtschaftliche Lage der
Klöster zu festigen, eine Maßnahme, die erhebliche Bedeutung haben sollte. Vom Gewicht
der mit dieser institutionellen Reorganisation verbundenen Probleme mag man sich ein Bild
machen, wenn man die Statistik betrachtet: Die beiden deutschen Provinzen, Teutonia und
Saxonia, hatten im Jahre 1303 nicht weniger als 81 Frauenklöster, während sich unter der
Obhut des Ordens insgesamt 141 befanden. Nachdem die Predigerbrüder die Verpflichtung zur
Schwesternseelsorge eingegangen waren, haben sie sich ihr mit Hingabe gewidmet und dazu
fähige Männer bestellt. So übertrug man 1303 Meister Eckhart nach Abschluß seiner
Pariser Lehrtätigkeit die Aufsicht über die süddeutschen Frauenklöster mit Sitz in
Straßburg. Die deutsche mystische Literatur verdankt dieser Sorge entscheidende Impulse.
Von Eckhart beeinflußt sind Heinrich Seuse ( 1366) und Johannes Tauler (
1361), deren Predigten und Bücher - so etwa Seuses «Büchlein der ewigen Weisheit» - zu
den verbreitetsten Schriften des Mittelalters zählen.
In den Kontroversen um die franziskanische Armutsauffassung verfaßten Dominikaner
- namentlich Hervaeus Natalis und Durandus de S. Porciano - bedeutsame Abhandlungen, die
ihren Eindruck auf Papst Johannes XXII. nicht verfehlten, so daß er die These von der
absoluten Armut Jesu und seiner Jünger als häretisch verwarf. Es versteht sich, daß
solche Ereignisse alte Rivalitäten förderten. Der mit Hilfe der Dominikaner erlangte
Sieg über die Minoriten hatte indirekte Folgen für einen wichtigen Aspekt
mittelalterlicher Frömmigkeit. Gemeint ist die seit Duns Scotus ( 1308)
favorisierte Lehre von der Unbefleckten Empfängnis Mariens, die in leidenschaftlichen
Predigten ins Volk getragen wurde. Unter Berufung auf Thomas stieß sie auf scharfe
Ablehnung seitens der Dominikaner. Die heftigen Debatten gelangten auf dem Basler Konzil
zu einem ersten Höhepunkt, als die nicht mehr als ökumenisch anerkannte Synode 1439 die
«neue Meinung» definierte. Der Umstand, daß der Franziskanerpapst Sixtus IV. 1476 das
Fest für die ganze Kirche vorschrieb, bedeutete für die Ordensdoktrin einen schweren
Rückschlag, obwohl die Kontroversen anhielten.
Auch wenn es sich eher um ein Nebenthema der mittelalterlichen Theologiegeschichte
handelt, markieren die Diskussionen doch einen tiefen Einschnitt, insofern sie anzeigen,
daß die ehemals so starke Position der Dominikaner dem Ende entgegenging. Im Inneren
zeichnet sich ebenfalls eine Krise ab. Wie die anläßlich des Streites um das
Armutsverständnis angefertigten Gutachten zu erkennen geben, ist die gemäßigte These
von der Erlaubtheit des konventualen Gemeinbesitzes, der den wissenschaftlichen und
seelsorglichen Bedürfnissen angemessen sein soll, von den strikten Prinzipien, wie sie
Thomas formuliert hatte, in eine eher pragmatische Deutung abgesunken. Beträchtliche und
regelmäßig fließende Einkünfte, die ehedem als mit der Mendikantenarmut unvereinbar
galten, werden mehr und mehr toleriert. Die Verpflichtung, den Unterhalt jeweils durch
Seelsorge zu erwerben, hat sich gelockert. Der Wandel ist nicht einfach Laxheit, er geht
vielmehr zunächst auf das veränderte soziale und wirtschaftliche Umfeld der
Mendikantenklöster zurück, denen vom Bürgertum neue Rollen zugewiesen werden.
Kirchenbau und Studium waren kostspielige Angelegenheiten geworden. Theologie und Predigt,
einst aufeinander bezogen, gingen häufig getrennte Wege. Prior und Doctor begannen sich
zu entfremden. Die Leitung des Ordens hat die Probleme mit großer Klarheit gesehen, aber
wirkungsvolle Mittel zur Lösung der Spannungen hat sie nicht gefunden.
Obschon sich Symptome eines allmählichen Absinkens mehren, gibt es immer noch
zahlreiche Beispiele für ein geistliches Leben mit bemerkenswerter Ausstrahlung. Im
Vergleich zu den deutschen mystischen Autoren hat man den italienischen nicht immer die
ihnen gebührende Aufmerksamkeit geschenkt. Ihr hoher Rang ist indessen unbestreitbar. So
etwa Domenico Cavalca ( 1342), dessen volkssprachliche Schriften in Manuskripten und
frühen Drucken weit verbreitet gewesen sind. Ferner Giacomo Pasavanti ( 1357), der
einen «Spiegel der Buße» schrieb und eine umfangreiche lateinische Predigtsammlung
hinterließ. Als großer Prediger war Venturino von Bergamo berühmt. In seiner Person
begegnen sich deutsche und italienische spirituelle Traditionen. Er unterhielt eine reiche
Korrespondenz mit deutschen Dominikanern. Giovanni Dominici ( 1419) verfaßte
zahlreiche lateinische und italienische Schriften. Er war einer der eifrigsten
Ordensreformer aus dem Geist evangelischer Armut. In dieses Umfeld gehören schließlich
Katharina von Siena ( 1380) und ihr Seelenführer Raymund von Capua ( 1399).
Welche Rolle sie als Mitglied des Dritten Ordens (Terziaren) für die Erneuerung der
Kirche und des Papsttums gespielt hat, braucht hier nicht gesagt zu werden.
Umfang und Einfluß der italienischen literarischen Hinterlassenschaft, die bis in die
Reformbemühungen des beginnenden 16. Jh.s nachwirkte, bestätigen die These, daß man
nicht undifferenziert von einem Niedergang des Ordens sprechen kann, auch wenn wahr
bleibt, daß das Exil der Päpste in Avignon, die Pest von 1348 und das Abendländische
Schisma zum Verfall der Disziplin und der Theologie führten. Welches Echo der Ruf nach
Reformen gefunden hat, bestätigt sich eindringlich an einigen Gestalten aus der Zeit des
Basler Konzils. Zu nennen sind Johannes de Montenigro ( 1445/46), Provinzial der
Lombardei, der für die Freiheit der Mendikanten stritt. Er hielt auch die erste große
Rede gegen den Versuch, das Fest der Unbefleckten Empfängnis allgemein vorzuschreiben.
Heinrich Kalteisen ( 1465) trat gegen die Hussiten auf. Eine der dominierenden
Figuren war Johannes Torquemada ( 1468), der den König von Kastilien in Basel
repräsentierte. Er schrieb einen umfangreichen Traktat gegen die Unbefleckte Empfängnis,
in deren Dogmatisierung er einen Bruch mit der patristischen und scholastischen Tradition
sah. Sein Hauptwerk ist die Summa de Ecclesia, die eine immense Nachwirkung hatte. Er gilt
als einer der klassischen Theoretiker des päpstlichen Primats. Obschon sich der Orden
seit seinen Anfängen auf eine Linie festgelegt hatte, gab es immer wieder Außenseiter.
So auch in Basel, wo Johannes von Ragusa ( 1443) einen konziliaristisch inspirierten
Traktat herausgab.
Bemerkenswert und in die nahe Zukunft weisend ist der Umstand, daß in Basel und in
den Jahren danach eine Renaissance des Thomismus erfolgte, die Ende des Jahrhunderts in
Köln zu einer folgenschweren Neuerung führte. Man begann nun an den Hochschulen die
Summa Theologiae des hl. Thomas zu kommentieren, die allmählich das klassische Handbuch,
die Sentenzen des Lombarden, aus dem akademischen Unterricht verdrängte. In unserem
Zeitraum entstand, verfaßt von Johannes Capreolus ( 1444), das letzte bedeutende
Sentenzenwerk, das man in der Schule oft zitierte. |
Der Orden in
der Neuzeit |
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Die Erneuerung des Ordens hatte einige Erfolge
- namentlich in Spanien und Italien -, aber geistige Zentren mit größerer Ausstrahlung
bildeten sich nicht. Die zweite Hälfte des 15. Jh.s weist deshalb keine markanten
Persönlichkeiten auf, wenn man von Savonarola und der Reformkongregation von San Marco in
Florenz absieht. Die Situation sollte sich indessen bald ändern. Auch jetzt ist
bemerkenswert, daß sich der Wandel im Rahmen der Studien und in einer Besinnung auf das
intellektuelle Erbe vollzog. Er nahm seinen Ausgang in den Arbeiten eines Gelehrten, der
bald in Leitungsämter aufrückte. Gemeint ist Thomas de Vio ( 1534), genannt
Gaetanus oder Cajetan, dessen Hauptwerk, der Kommentar zur Summa des Aquinaten, entstanden
zwischen 1507 und 1522, anzeigt, aus welchen Quellen er schöpft. Als Generalmagister
(1508-1518) hatte er Gelegenheit, Reformen einzuleiten, die gemeinsames Leben, Observanz
und gute Ausbildung zum Ziel hatten.
In diese Zeit fallen die Abfassung eines berühmten Traktats über die päpstliche
Gewalt und die Teilnahme am V. Laterankonzil. Das Gespräch mit Luther in Augsburg 1518
konnte den Lauf der Dinge zwar nicht mehr ändern, es hinterließ in ihm jedoch die
Gewißheit, daß hinter der Bewegung in Deutschland tiefe religiöse Antriebe standen.
Welche Folgerungen er selbst daraus zog, verrät die Tatsache, daß er sich in seinen
letzten Lebensjahren fast ausschließlich einem intensiven und kritischen Bibelstudium
widmete.
In die «Luthersache» war noch ein anderer Dominikaner, Sylvester Prierias,
verwickelt. Daß er dem Reformator nicht gerecht wurde, ist nicht zu bestreiten, weil er
in einem überholten Antikonziliarismus befangen war, der ihn die wahren Grundlagen der
Reformation nicht erkennen ließ. Auch in Deutschland haben Dominikaner literarischen
Widerstand geleistet. Genannt seien in Köln Jakob Hoogstraeten ( 1527) und Konrad
Köllin ( 1536), dessen Summenkommentar bezeugt, daß sich eine theologische Wende
anbahnt, die sich allerdings wegen der Ungunst der Zeit nicht voll entfalten konnte.
Erwähnt werden sollen ferner Michael Vehe ( 1539), Verfasser des ersten
katholischen Gesangbuches, und Johannes Dietenberger ( 1537) mit seiner
Bibelübersetzung. Die Reformation traf die nordeuropäischen Provinzen schwer oder
vernichtete sie ganz. Einigen von ihnen gelang es erst im folgenden Jahrhundert, Konvente
zu errichten oder zu festigen.
In den Jahrzehnten der Reformation bietet der Orden abgesehen von einigen
Lichtblicken in Italien - ein desolates Bild, das freilich von einer beeindruckenden
Ausnahme erhellt wird: Spanien. Schon vor der durch Kardinal Cisneros in Angriff
genommenen Kirchenreform hatte Bischof Alonso de Burgos 1496 in Valladolid das Kolleg San
Gregorio gestiftet, das eine überaus fruchtbare Ausbildungsstätte für begabte
Dominikaner werden sollte. Der berühmteste Lehrer war Francisco de Vitoria ( 1546).
Er hatte in Paris studiert und war dort in Kontakt mit den religiösen, humanistischen und
politischen Strömungen Mitteleuropas gekommen. Im Jahre 1526 wurde er Professor an der
Universität Salamanca. Seine Vorlesungen und Disputationen hatten ein weites Echo.
Vitoria eröffnete eine neue Sicht vom Staat und dessen Verhältnis zur Kirche; er entwarf
eine Friedensordnung, die die Rivalitäten zwischen Frankreich und dem Reich Karls V.
beenden sollte. Unsterblich wurde Vitoria durch seine Abhandlung über die Rechte der
jüngst entdeckten Völker. Die Kunde von den spanischen Greueltaten in Lateinamerika, die
als erster der Dominikaner Antonio de Montesinos angeprangert hatte, alarmierte ihn. Gegen
den Widerstand der Krone - Kaiser Karl V. intervenierte in einem Brief an den Prior -
propagierte Vitoria eine auf Prinzipien des Völkerrechts basierende Rechtsordnung, um
Willkür und Ausbeutung zu ächten. Um die in Spanien erstrebte Kirchenreform theoretisch
zu fundieren, plädierte er für einen Ausgleich zwischen einem konziliaristischen und
zentralistischen Kirchenverständnis. Dem künftigen Konzil sollten weitreichende
Vollmachten eingeräumt werden.
Vitoria hatte eine Reihe von Schülern, die seine Ideen auf verschiedenen Gebieten der
Theologie weiterentwickelten. So etwa Melchior Cano ( 1560), der ein klassisches
Handbuch, die Loci Theologici, verfaßte, in dem die scholastische und die positive
Theologie gleichermaßen berücksichtigt wurden. Domingo de Soto ( 1560) nahm
Einfluß auf das Trienter Rechtfertigungsdekret und gilt als einer der großen
Rechtstheoretiker seiner Zeit. Zum Schülerkreis im weiteren Sinn gehört Bartolome'
Carranza ( 1576), der einen wegweisenden spanischen Katechismus herausgab, der ihn
in lebenslangen Konflikt mit der Inquisition brachte, weil er es unternahm, die
scholastische Theologie zu popularisieren.
Bartolome' Las Casas ( 1566) war einer der großen Anwälte der Rechte der
Indios mit einem bis heute anhaltenden Echo. Mit Unterstützung des Generalmagisters
Cajetan begann 1509 die Mission der Dominikaner in Lateinamerika. Schon 1530 entstand eine
Provinz, die das ganze neu entdeckte Land umfaßte. Ihr folgte 1532 die von Mexico. Das
erste Generalstudium errichtet man 1538 in Santo Domingo, 1553 in Lima eine Universität.
Drei Heilige - Rosa von Lima ( 1617), Martin Porres ( 1639) und Johannes
Macias ( 1645) - sprechen für die seelsorgliche Intensität, die die Eroberung des
Kontinents begleitete. Übrigens sind die beiden letztgenannten Heiligen Laienbrüder
gewesen, die Not und Elend zu wenden suchten.
Als geistlicher Schriftsteller und Prediger, dessen Werke im katholischen Europa
zahllose Auflagen erfuhren, ragt Luis de Granada ( 1588) hervor, der in Spanien und
Portugal wirkte und als Klassiker der spanischen Literatur gilt. Erwähnt sei schließlich
Dominicus Báñez, der als angesehener Theologe Teresa von Avila vor der Inquisition in
Schutz nahm und so die Reform des Karmels (Karmeliten) retten half. Bedeutsam sind die
Einflüsse der spanischen Dominikaner auf das Konzil von Trient und die nachtridentinische
Theologie. An zahlreichen Orten - so etwa in Köln - unterstützten sie den Aufbau der
durch die Reformation zerstörten Provinzen und belebten die Studien.
Weniger glanzvoll für den Orden ist das 17. und 18. Jahrhundert gewesen. Es gelang
ihm nicht, auf der Höhe der Zeit zu bleiben. Auch wurde er in die letztlich unfruchtbaren
Kontroversen um Gallikanismus, Jansenismus und Staatskirchentum verwickelt. Gleichwohl
fehlten illustre Geister nicht: In Paris gaben Jacques Quétif ( 1698) und Jacques
Echard ( 1724) ein zweibändiges Verzeichnis der Schriftsteller des Ordens heraus,
das, ein Meisterstück kritischer Gelehrsamkeit, noch heute mit Gewinn konsultiert wird.
Geschätzt war der Kirchenhistoriker Natalis Mexander ( 1724), der, gallikanischen
Ideen zuneigend, lebhaften Widerspruch römischer Kreise erfuhr. Jacques Goar (
1653) rechnet man zu den Vätern der Byzantinistik. Im römischen Konvent Santa Maria
sopra Minerva bildete sich um die großzügig dotierte Biblioteca Casanatense ein
gelehrtes Zentrum. Originelle Werke der systematischen Theologie sind in dieser Periode
nicht zu verzeichnen, auch wenn einige Autoren - so etwa Vincenzo Gotti ( 1742) und
Charles R. Billuart ( 1757) - im damaligen akademischen Unterricht anerkannt waren.
Französische Revolution, Säkularisation und Klosteraufhebungen in den romanischen
Ländern sowie auf dem südamerikanischen Kontinent, wo noch heute Kirchen und Konvente
vom alten Glanz zeugen, bereiteten dem Orden fast ein Ende. Nach dem Wiener Kongreß
faßte der Orden in Italien Fuß. Durch Henri-Dominique Lacordaire ( 1861), als
Prediger und Schriftsteller außerordentlich begabt, kam er nach Frankreich zurück.
Lacordaires Versuchen, an die große intellektuelle und missionarische Tradition des 13.
Jh.s anzuknüpfen, war jedoch kein voller Erfolg beschieden. Konflikte mit der
Ordensleitung, die eher monastische Formen und Observanzen beobachtet wissen wollte,
behinderten die Wiederherstellung mit einer modernen Konzeption. 1803 kam es zur Gründung
einer Provinz in USA, während viele alte europäische Provinzen erst gegen Ende des
Jahrhunderts nach Überwindung zahlloser politischer Widerstände konstituiert werden
konnten. Nach Abflauen des Kulturkampfs wurde im Jahre 1895 die Teutonia mit Konventen in
Düsseldorf, Berlin und Köln errichtet.
Ebenso langsam verlief die Reorganisation der Studien, die allerdings durch die
Förderung des Thomismus unter Papst Leo XIII. Impulse erhielten. Ihm ist auch der Beginn
der kritischen Edition der Werke des hl. Thomas zu danken. Im Jahre 1909 wurde ein
internationales Studienzentrum in Rom als Collegium Angelicum (seit 1963 St.
Thomas-Universität) gegründet. 1890 übertrug man Dominikanern die Theologische
Fakultät der Universität Freiburg in der Schweiz. Große Bedeutung erlangte die Ecole
Biblique in Jerusalem, die 1890 auf Initiative von P. Lagrange ( 1938) ins Leben
gerufen wurde. In ihm darf man den Altmeister der neueren katholischen Exegese sehen.
Seiner Klugheit und Beharrlichkeit ist es zuzuschreiben, daß sich - namentlich in den
romanischen Ländern - ein kritisches Bibelstudium durchsetzte. In Heinrich Suso Denifle
( 1905) und Pierre Mandonnet ( 1936) hatte der Orden zwei hervorragende Kenner
des Mittelalters, der Universitätsgeschichte und der Mystik. Die Studienhäuser einzelner
Provinzen begannen zu blühen. Eigene Erwähnung verdient das Zentrum der französischen
Provinz Le Saulchoir (zunächst im belgischen Exil, dann in der Nähe von Paris), das
durch seine Forschungen zur Scholastik eine neue Sicht des Thomismus erschlossen hat. In
ihm spielte M. D. Chenu ( 1990) als Gelehrter und Anreger eine überaus fruchtbare
Rolle mit Rückwirkungen auf die soziale Frage in Frankreich. Er gehört ebenso wie Y.
Congar zu den Wegbereitern des II. Vatikanischen Konzils. 1930 wurde in Rom (Santa Sabina)
das Historische Institut des Ordens errichtet, das sich der Geschichte des Ordens widmet.
Sein langjähriger Leiter, T. Käppeli, publizierte den monumentalen Katalog
dominikanischer Autoren, ein Spiegelbild der literarischen Aktivitäten bis 1500. Nicht
unerwähnt bleiben darf die St. Thomas-Universität in Manila, die, 1611 von spanischen
Dominikanern gegründet, bis heute zu den angesehenen Hochschulen Asiens zählt. Der Orden
unterhält unter anderem ein Institut für orientalische Studien in Kairo, das den Dialog
mit dem Islam pflegt und eine eigene Zeitschrift herausgibt, sowie das Studienzentrum
Istina in Paris für die Begegnung mit der orthodoxen Kirche. Genannt sei schließlich die
Editio Leonina in Grottaferrata mit Sektionen in USA und Kanada.
Die zahlreichen und vielfältigen Aktivitäten wären ohne eine beständig
wachsende Mitgliederzahl undenkbar gewesen. Zwischen 1876 und 1966 hatte sie sich von rund
3600 auf fast 10000 erhöht, doch ist sie seither auf etwa 7000 gesunken. Der Orden
umfaßt heute 42 Provinzen, 2 Vizeprovinzen und 4 Generalvikariate, an deren Spitze der
Generalmagister Carlos Aspiroz Costa steht. Seine Amtszeit beträgt 9 Jahre (bis 1804 war
sie unbegrenzt). Er residiert in Rom (Konvent Santa Sabina). Die Verfassung, in ihrem Kern
seit 1228 identisch, wird auf Generalkapiteln ergänzt und angepaßt. Dem Ordensmeister
stehen 9 Assistenten zur Seite.
Der Orden hat sich über die Jahrhunderte hinweg der Schwesternseelsorge
angenommen. Lange handelte es sich allein um klausurierte Frauenklöster des sog. II.
Ordens (Dominikanerinnen), deren Zahl sich heute auf weit über 200 beläuft. Nicht alle
sind dem Ordensmagister unmittelbar unterstellt. In einer revidierten Fassung sind die
Konstitutionen dieses Zweiges seit 1987 in Kraft. Sie betonen Kontemplation und Gebet für
die Kirche und die missionarischen Aktivitäten des Ordens. Aus den seit den Ursprüngen
dem Orden verbundenen Frauengruppen haben sich sodann, vor allem seit dem 19. Jh.,
dominikanische Schwesternkongregationen entwickelt (etwa 140), die in aller Welt in
Schulen und karitativen Institutionen wirken. Sie unterstehen rechtlich dem Apostolischen
Stuhl oder den Diözesanbischöfen. Daneben gibt es dominikanische Laiengemeinschaften
(Terziaren), die sich dem Orden geistlich verbunden wissen.
Statistik 1990: Dominikaner: 677 Klöster mit 6775 Mitgliedern, davon 5153 Priester.
Dominikanerinnen (II. Orden): 226 Klöster mit 4225 Schwestern. |
Literatur |
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Monumenta diplomatica S. Dominici, ed. V. J.
Koudelka, Rom 1966; Monumenta historica S.P.N. Dominici, ed. M.-H. Laurent, 2 Bde., Paris
u. Rom 1933 u. 1935; A. H. Thomas, De oudste Constituties van de Dominicanen, Löwen 1965,
(Text: 309-369); Meister Jordan: Das Buch von den Anfängen des Predigerordens. Übersetzt
von M. D. Kunst, Kevelaer 1949; V. J. Koudelka, Dominikus. Gotteserfahrung und Weg in die
Welt, Olten/Freiburg 1983 (Quellentexte mit Einführung); Acta capitulorum generalium
Ordinis Praedicatorum, 9 Bde., Rom 1898-1904; R. Creytens, Les constitutions des Frères
Prêcheurs dans la rédaction de S. Raymond de Peñafort (1241), in: Archivum Fratrum
Praedicatorum 18 (1948) 5-68; B. Altaner, Der hl. Dominikus, Untersuchungen und Texte,
Breslau 1922; Ders., Die Dominikanermission des 13. Jahrhunderts, Habelschwerdt 1924; G.
Bedouelle, Dominikus. Von der Kraft des Wortes, Graz-Wien-Köln 1984; K. Elm, Franziskus
und Dominikus. Wirkungen und Antriebskräfte zweier Ordensstifter, in: Saeculum 23 (1972)
127-147; W. A. Hinnebusch, The History of the Dominican Order, 2 Bde., New York 1966 u.
1973; T. Kaeppeli, Scriptores Ordinis Praedicatorum Medii Aevi, voll (A-F), Rom 1970; vol.
II (G-I), Rom 1975; vol. III (I-S), Rom 1980; J. Quétif-J. Echard, Scriptores Ordinis
Praedicatorum, 2 Bde., Paris 1719 u. 1721; L. A. Redigonda, Art. Frati Predicatori, in:
Dizionario degli istituti di perfezione, t. IV, Rom 1977, 923-970 (Literatur); G. Sölch,
Hugo von St. Cher und die Anfänge der Dominikanerliturgie, Köln 1938; M.-H. Vicaire,
Histoire dc Samt Dominiquc, 2 Bdc., Paris 1982; A. Walz, Compendium historiae Ordinis
Praedicatorum, Rom 1948 (2.Aufl.).
Außerdem:
Anselm Hertz & Helmuth N. Loose, Dominikus und die Dominikaner, Freiburg/Br.: Herder,
1981; Meinolf Lohrum, Dominikus. Beter und Prediger, Mainz: Matthias-Grünewald-Verlag,
1984; Franz Müller (Hrsg.), Dominikanerinnen und Dominikaner. Lebenbilder aus dem
Predigerorden, Fribourg (Ch): Kanisius-Verlag, 1988; Thomas Eggensberger & Ulrich
Engel, Frauen und Männer im Dominikanerorden, Mainz: Matthias-Grünewald-Verlag 1992;
dies., Bartolomé de las Casas. Dominikaner - Bischof - Verteidiger der Indios, Mainz:
Matthias-Grünewald-Verlag, 1992. |